Die Zunahme männlicher Gewalt in der Quarantäne

Die Perspektive, aufgrund der Ausbreitung von Covid19 zu Hause isoliert zu sein, ist für viele Frauen keine beruhigende Aussicht (Beitrag anhören)

Während des Kontaktverbots und in der Quarantäne wird das öffentliche Leben eingeschränkt, das meiste spielt sich zu Hause ab. Die Öffentlichkeit ist der gefährliche Ort der Ansteckung, das Zuhause der Hort der Sicherheit. Diese Vorstellung kann an traditionelle Leitbilder des Privaten in der bürgerlichen Gesellschaft anknüpfen. Die Öffentlichkeit ist die Sphäre von Selbstdisziplinierung, Härte und Konkurrenz. Das traute Heim eine Oase der Entspannung, wo man am Feierabend das Leben genießt. Das Problem ist, dass dies für Frauen noch nie gestimmt hat. Zuhause meint klassisch: die patriarchale Kleinfamilie. Für Frauen ist das Zuhause oft ein Arbeitsort, nicht dessen Gegenstück. Das Haus ist aber nicht nur Arbeitsplatz, sondern kann auch zum Gefängnis werden. Männer verüben (sexuelle) Gewalt zum großen Teil im Nahbereich, das gilt auch für Femizide. Zuhause ist für Frauen in der patriarchalen Gesellschaft eben nicht automatisch der sicherste Ort.

Was bedeutet das für die aktuelle Corona-Krise? Männliche Gewalttaten steigen erfahrungsgemäß in Krisenzeiten an. Feministische Theoretiker*innen und Aktivist*innen deuten solche Anstiege als Versuch von Männern, (drohende) ökonomische Prekarisierung und Unsicherheit zu kompensieren (Vom Chef gedemütigt zu werden oder sich in einer „Verliererposition“ zu erleben, kann beispielweise in Rachegefühle überführt werden, die in Gewalt münden). Gleichzeitig haben die Betroffenen durch Kontaktverbote und Quarantänemaßnahmen größere Schwierigkeiten, der Gewalt zu entkommen. Dazu gibt es schon einige erschreckende Meldungen aus China: es kam dort zu einem starken Anstieg häuslicher Gewalt. (Laut der Pekinger Frauenrechtsorganisation „Weiping“ war die Zahl der Meldungen von Gewalt dreimal so hoch wie noch vor der Quarantäne. Die Frauen konnten dieser Gewalt aufgrund der Reise- und Ausgangsbestimmungen schwerer entkommen, als ohnehin schon. Eine gute Nachricht ist, dass in den Nachbarschaften auch Solidarität mit den betroffenen Frauen gezeigt wurde. Leute haben Zettel aufgehängt, die die Menschen dazu aufforderten, nicht wegzusehen, wenn sie ZeugInnen häuslicher Gewalt wurden. In Bologna in Norditalien teilte ein Frauenhaus ein Meme: „#Ichbleibzuhause ist für viele Frauen keine beruhigende Einladung“, mit der Information, dass das Frauenhaus ihnen offen steht und sie nicht in der häuslichen Isolation ausharren müssen. 

Frauenhäuser und Frauenberatungsstellen in Deutschland rechnen in den nächsten Wochen mit einer deutlichen Zunahme von männlicher Gewalt. Zu befürchten ist, dass sich die Lage in den Frauenhäusern zuspitzen wird, da schon im „Normalzustand“ im deutschlandweiten Schnitt nicht einmal die Hälfte der benötigten Betten vorhanden sind. Hinzu kommen könnte, dass sich durch etwaige Quarantäne-Fälle  und entsprechende Hygiene- und Sicherheitsvorkehrungen die Anzahl der belegbaren Betten weiter verkleinert. Die Tatsache, dass das Zuhause kein sicherer Ort ist, erfährt in der gegenwärtigen Krise bislang keine Berücksichtigung in den politischen Sicherheitskonzepten.

Die autonomen Frauenhäuser formulieren hingegen klar, was sie von der Politik gerade brauchen: 
– Eine Finanzierung und Bereitstellung von Wohnraum, beispielsweise in leerstehenden Hotels
– Einen Ausbau der Hilfetelefone, um Beratungen unter Vermeidung von persönlichem Kontakt durchführen zu können und 
– Die Finanzierung von Übersetzungsdiensten

Wir schließen uns dem an und fordern zudem die Öffnung von leerstehenden Wohnungen, damit sich Frauen selbst eine sichere Unterkunft nehmen können. Außerdem fordern wir Männernotrufe, da wir einen Fokus auf diejenigen, die die Gewalt ausüben als unbedingt notwendig erachten. 

Es bleibt zu beobachten, wie sich die Coronapandemie – und mit ihr Massenarbeitslosigkeit, repressive staatliche Maßnahmen, soziale Isolierung, aber auch Solidarität – weiterhin auf das Geschlechterverhältnis als Gewaltverhältnis auswirken werden. Dies wird nicht nur vom Ausmaß der ökonomischen Krise und staatlicher Maßnahmen abhängen, sondern auch davon, ob sich Formen der feministischen Organisierung und Solidarisierung mit den Betroffenen herausbilden und wie sich der gesellschaftliche Umgang mit der Ursache des Problems – mit männlicher Gewalt – entwickeln wird.

Wir haben einige Unterstützungsangebote bei geschlechtsbasierter Gewalt zu Hause aufgelistet.

2 Gedanken zu “Die Zunahme männlicher Gewalt in der Quarantäne

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