Das Corona-Regime und der Kampf um Arbeiterkontrolle

Bislang drehen sich die Klassenkonflikte in der Corona-Krise vor allem um Schutzmaßnahmen gegen das Virus am Arbeitsplatz, doch wie die Angry Workers aus London in ihrem neuen Beitrag zeigen, gehen die Kämpfe schon jetzt darüber hinaus, indem sie die Frage aufwerfen, ob man den Laden nicht fürs Erste ganz dichtmachen sollte: Warum in der „Freizeit“ härteste Einschnitte hinnehmen, aber am nächsten Morgen wieder an einem potenziellen Infektionsherd aufkreuzen?

Jetzt werden Lieferketten unterbrochen, Unternehmenspleiten, Arbeitslosigkeit und Staatsverschuldung schießen rund um den Globus im Rekordtempo in die Höhe. Die Frage der Arbeiterkontrolle – Wer entscheidet darüber, was und wie produziert wird? – könnte sich angesichts des drohenden Zusammenbruchs der Weltwirtschaft sehr bald mit ungekannter Dringlichkeit stellen.

Während sich die Regierungen in dieser Situation im Nationalchauvinismus überbieten und mit Grenzschließungen, Ausfuhrverboten für medizinische Güter und Migrationsabwehr die Rede von der „internationalen Gemeinschaft“ als das Sonntagsgeschwätz kenntlich machen, das es schon immer war, liegt in den Kämpfen der Lohnabhängigen zumindest die Hoffnung auf einen humanen, vernünftigen Umgang mit der Pandemie. Wenn die jetzige Wirtschaftsordnung einen Infarkt erleidet, wird alles von der Fähigkeit der ArbeiterInnen abhängen, die tatsächlich notwendigen Teile der Produktion grenzüberschreitend wieder in Gang zu setzen und eine egalitäre Gesellschaft zu schaffen.

***

Angry Workers of the World, 24. März 2020. Auf Deutsch wurde der Text zuerst auf der Website Autonomie Magazin veröffentlicht; für diesen Blog haben wir die Übersetzung stellenweise verändert.

Während viele Linke auf Anweisungen der Regierungen warteten, haben viele ArbeiterInnen auf der ganzen Welt begrenzte, aber reale Schritte in Richtung Arbeiterkontrolle gemacht. Spontane Streiks haben sich von Autofabriken in Italien bis nach Kanada und die USA ausgebreitet; in Brasilien brach eine Streikwelle in Call-Centern aus; Amazon-ArbeiterInnen in Spanien, Frankreich und New York haben ebenfalls die Arbeit niedergelegt; in Peru streiken Reinigungskräfte und Bergarbeiter; Textilarbeiterinnen in Bangalore weigern sich, die Fabrik ohne Schutzausrüstung zu betreten.

In dieser kurzen und globalen Bewegung der Klasse können wir schon jetzt eine Politisierung sehen.

Die unmittelbarsten Forderungen der streikenden ArbeiterInnen zielen darauf, eine taugliche Schutzausrüstung gegen Covid-19 zu erhalten. Aber viele Streiks gehen darüber hinaus: Bei AvioAreo in Italien zum Beispiel stellen ArbeiterInnen in Frage, ob ihre Arbeit – die Produktion von Flugzeugmotoren – in diesen Zeiten gesellschaftlich nötig ist. ArbeiterInnen bei Ferrari haben aus naheliegenden Gründen das gleiche getan. Die Tatsache, dass wir in Großbritannien wenig vergleichbare Aktionen gesehen haben, könnte mit dem allgemeinen Fokus auf den Staat und parlamentarische Lösungen zusammen hängen. Die Fixierung auf die Labour Party war schon früher ein Hindernis für Arbeiterkontrolle, zum Beispiel während der Auseinandersetzung um den Lucas Plan.

Was wir gerade sehen, sind die ersten grundlegenden Schritte und realen materiellen Erfahrungen von Arbeiterkontrolle. Von hier führt kein gleichmäßiger und schrittweiser Weg in Richtung ihrer Ausweitung – sie hängt von den Kämpfen der ArbeiterInnen ab. Aber als Revolutionäre innerhalb der ArbeiterInnenklasse können wir zumindest ein paar Dinge tun, um diese Entwicklung zu unterstützen:

1. Die Berichte von ArbeiterInnenkämpfen in der jetzigen Situation weiter dokumentieren und systematisieren.

2. Berichte darüber verbreiten, wie sich die Diskussionen und Erfahrungen in den Betrieben verändern. Wenn wir die Arbeit von ein paar unserer Genossen anschauen, die als Supermarkt-Auslieferer arbeiten, können wir eine gewisse Tendenz ausmachen: Wenn man sich bei jeder Auslieferung der Infektionsgefahr aussetzt, fängt man gemeinsam mit seinen Kolleginnen an sich zu fragen, ob es mehr Sinn macht, Sushi in Büros in der Innenstadt zu liefern oder frisches Gemüse an ein Altenheim. Sobald eine solche Frage aufkommt, wird die Rolle des Managements in Frage gestellt: Das Management ist vor allem dafür da, die Arbeit für das Unternehmen zu erzwingen – ob sie nützlich ist oder nicht.

3. Über die Schritte von ArbeiterInnen berichten, mit denen sie den Charakter ihrer Dienstleistungen oder Produkte verändern, um sie gesellschaftlich nützlicher zu machen. Das mag teilweise auch per „Regierungsbeschluss“ geschehen, aber letztlich werden es die IngenieurInnen und ArbeiterInnen in den Betrieben sein, die den Produktionsprozess wesentlich verändern, zum Beispiel durch die Umstellung von Autoteilen auf Beatmungsgeräte. Hier werden die Trennungen zwischen Kopf- und Handarbeit in Frage gestellt und verschoben und es eröffnet sich die Möglichkeit gleichberechtigterer Beziehungen in der Arbeit.

4. Den Kampf für mehr Gleichheit unterstützen. Die Frage der Gleichheit ist bereits aufgeworfen worden: Warum sollten festangestellte ArbeiterInnen mehr finanzielle Unterstützung von der Regierung erhalten als ihre selbständigen KollegInnen? Warum können ohnehin schon „privilegierte“ Angestellte von zu Hause aus arbeiten, während andere in Lager- oder Fabrikhallen stehen müssen? Die Frage der Gleichberechtigung wird sich im Lauf der Zeit organisch ausweiten: Wie kann die Arbeitsbelastung in den unentbehrlichen Branchen gleichmäßiger verteilt werden? Wie können wir es vermeiden, dass manchen 12-Stunden-Schichten aufgebürdet werden, während andere zu Hause sitzen (müssen)?

5. Zusammenschlüsse über den Arbeitsplatz hinaus unterstützen. Die Grenzen von Arbeiterkontrolle auf der Ebene des einzelnen Betriebs sind schon jetzt sichtbar. Die meisten Betriebe, insbesondere in der Lebensmittelproduktion und anderen Industriezweigen, sind von komplexen (internationalen) Lieferketten abhängig. Selbst um nur die Grundproduktion am Laufen zu halten, müssen die Verbindungen zwischen den Produktionseinheiten neu hergestellt werden. Je länger die Corona-Krise andauert, desto mehr werden die finanziellen Verbindungen zwischen den Produktionseinheiten unter Druck geraten. Die Liquiditäts- und Schuldenprobleme eines einzelnen Unternehmens könnten die Produktion eines ganzen Sektors gefährden. Ein drastischer Wertverlust einer nationalen Währung und des Wechselkurses könnte die Versorgung gefährden. Wir werden sehen, dass die „Kritik des Geldes und der Warenform“ keine intellektuelle Übung ist, sondern eine materielle Notwendigkeit.

6. Vorsicht vor dem Staat! Eine Linke, die eine „strengere Durchsetzung der sozialen Distanzierung“ vom Staat fordert, ist ein Feind der ArbeiterInnenklasse, Punkt. Der kapitalistische Staat ist nicht „ambivalent“, der „Kampf um Hegemonie“ eine faule Ausrede, scheißt auf Gramsci und seine Jünger! In Portugal hat die „linke Regierung“ das Streikrecht ausgesetzt. In Frankreich setzt die Post die Polizei ein, um MitarbeiterInnen zu bedrohen, die sich weigern, ihr Leben wegen schlechter Gesundheits- und Sicherheitsbedingungen zu riskieren. In Italien will der Staat die Produktion am Laufen halten; Schutzmaßnahmen wie die, nicht dicht nebeneinander an einem Fließband zu stehen, um Schwachsinn zu produzieren, wurden durch Aktionen der ArbeiterInnen durchgesetzt.

In der jetzigen Situation werden die Mängel einer radikalen Linken offenbar, die die ArbeiterInnenklasse in den letzten Jahrzehnten ignoriert hat. Wir sehen die Grenzen der auf „Kommunisierung“ und „Insurrektion“ setzenden Linksradikalen: Welche Auswirkungen hätte eine Welle von massenhaften Plünderungen und Ausschreitungen im gegenwärtigen gesellschaftlichen Klima? Die Umverteilung des Reichtums und die Selbstverteidigung gegenüber dem Staat haben keine Grundlage, wenn sie nicht durch eine geschlossene und disziplinierte Kraft der ArbeiterInnen in den unentbehrlichen Industrien unterstützt wird, die das Überleben der Gesellschaft garantieren kann.

Die radikale Linke hat keine ausreichende Verwurzelung in der ArbeiterInnenklasse, um praktisch auf eine Ausweitung von Arbeiterkontrolle zu drängen. Zudem gibt es keine politische Organisation der Klasse, die das Wissen und die Macht der „Wissens-“ und der „ProduktionsarbeiterInnen“ in einer sozial emanzipatorischen Perspektive zusammenführen könnte. Diese Organisation müssen wir aufbauen. Als einen bescheidenen Beitrag dazu verstehen wir unser neues Buch, dessen Einleitung hier gelesen werden kann.

3 Gedanken zu “Das Corona-Regime und der Kampf um Arbeiterkontrolle

  1. Die Umstellung auf nützliche Produkte, das haben Arbeiter*innen schon vor über 40 Jahren bei Lucas Aerospace mit dem „Lucas-Plan“ versucht. Ist als historischer Hintergrund nicht ganz unwesentlich –> https://en.wikipedia.org/wiki/The_Lucas_Plan

    Ich war in den 80er Jahren in einem Soziologieseminar zum Thema Selbstverwaltung. Conclusio war, dass in Österreich das fast nur als Zwischenlösung bei Pleitefirmen gemacht wurde, um sich in die Pension hinübre zu retten.

    Wo es eine starke „Linke“ gibt, das gibts meist auch mehr alternative Betriebe in Arbeiter*innenselbstorganisation.

    Liken

  2. Pingback: Radio: Arbeitsteilung und Pandemie – Solidarisch gegen Corona

  3. Pingback: „Essen von McDonald’s zu liefern ist gesellschaftlich nicht unbedingt notwendig.“ – In Marseille beschlagnahmen Beschäftigte ihre McDonald’s-Filiale für die Versorgung der Nachbarschaft – Solidarisch gegen Corona

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