Kindheit in der Pandemie ist kein Kinderspiel

Über Kinder wird gerade viel gesprochen. Besonders leiden sie angeblich darunter, dass sie nicht in die Schule können. Das sagt viel über die sonstigen Umstände aus, in denen sie leben: Die Isolation der Kleinfamilie führt unter den Bedingungen der Kontaktsperre und der Schulschließungen dazu, dass die Kinder in der Quarantäne ganz auf den täglichen Wahnsinn mit Eltern und Geschwistern zurückgeworfen sind. Und ganz nebenbei sollen dann noch fleißig Hausaufgaben gemacht und gelernt werden, damit auf dem Weg der Kleinen in das Berufsleben keine Zeit verloren wird – ein Rezept, das für viele Kinder kaum aufgehen wird. Die Überforderung der Eltern durch die anfallende Mehrarbeit und beengte Wohnverhältnisse tun ihr übriges. Im schlimmsten Fall führt diese angespannten Situation zu einem Anstieg (männlicher) Gewalt in den Familien.

Diese Situation gerät jetzt zum Pfand derjenigen, die einen schnellen „Exit“ aus dem „Lockdown“ fordern. Sie möchten die Schulen bald wieder geöffnet sehen, damit einerseits die Eltern wieder voll für die Lohnarbeit verfügbar sind und andererseits der reibungslose Nachschub von SchülerInnen in weiterführende Schulen, Ausbildung und Hochschule gewährleistet ist. Gleichzeitig kommt eine neuere Untersuchung des Robert Koch Instituts jedoch zu dem Schluss, dass es gerade die Schulschließungen waren, die zu dem starken Rückgang an Neuinfektionen geführt haben.

In der derzeitigen Situation vieler Kinder kommen Probleme zum Tragen, die schon vorher bestanden und durch verschiedene Ventile etwas abgepuffert wurden. Dass diese Probleme jetzt weiter verschärft werden, dokumentiert der folgende Gastbeitrag einer Genossin aus der Kinder- und Jugendarbeit.

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Kindheit in der Pandemie ist kein Kinderspiel – Zu einigen negativen Auswirkungen der Corona-Maßnahmen

Die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus auf Kinder wirken sich in verschiedener Weise negativ auf Kinder aus, insbesondere auf solche, die aus proletarischen Verhältnissen kommen:

Viele Kinder freuen sich, nicht in die Schule zu müssen – oder ihnen fehlen die Pausen und die Freund*innen mehr als der Unterricht. Unabhängig vom subjektiven Empfinden der Kinder steht jedoch zu befürchten, dass die Kompensation durch E-Learning oder Hausaufgaben bestehende Ungleichheiten im Bildungssystem weiter verschärft und insbesondere von Armut betroffene Kinder den Anschluss verlieren.

Denn je beengter die Wohnverhältnisse und desto mehr Kinder in einem Zimmer, desto schwieriger ist es, einen ruhigen Platz zum Lernen zu finden. Hausaufgaben-Betreuungsangebote fallen weg, digitale Nachhilfeangebote oder kostenpflichtige Lernplattformen sind zu teuer. Teilweise fehlen Technik und WLAN oder genügend mobiles Datenvolumen, um die digitalen Unterstützungsangebote von Lehrer*innen wahrzunehmen. Hinzu kommt, dass in vielen Haushalten kein Arbeitsplatz oder Schreibtisch zur Verfügung steht, um die Hausaufgaben zu erledigen. Auch inwiefern die Eltern bei den Hausaufgaben helfen können, hängt vom Job und von den jeweiligen Kompetenzen der Eltern ab. Währenddessen verbessert sich bei anderen Kindern (v.a. aus akademischen Haushalten) die Lernsituation vielleicht sogar. Sie lernen zu Hause intensiver als in der Schule – denn wenn die Eltern helfen können, ist der Betreuungsschlüssel besser und es lässt sich mehr auf das individuelle Lernverhalten des Kindes eingehen, als in einem Klassenraum mit 20-30 Schüler*innen.

Auch in Hinsicht auf den Arbeitsplatz verschärft die Covid-19-Pandemie bestehende Ungleichheiten. Entsprechend stellt die aktuelle Situation für proletarische Familien eine stärkere finanzielle Belastung dar. Die Erziehungsberechtigten müssen um ihren Job bangen oder haben durch Kurzarbeit ein reduziertes Einkommen. Auch können sie sich aufgrund ihrer spezifischen Tätigkeit meist nicht ins Homeoffice verabschieden und sind einem höheren Gesundheitsrisiko ausgesetzt. Währenddessen ist für Beamte Kurzarbeit nicht vorgesehen und auch Angestellte der Verwaltung werden teilweise bei voller Lohnfortzahlung von der Lohnarbeit freigestellt, ebenso werden kulante Lösungen für Kinderbetreuung gefunden. Die Geschäftsführer*innen in staatlich geförderten NGOs setzen sich für die Lohnfortzahlung ihrer Angestellten und Projekt-Mitarbeiter*innen ein. In anderen Branchen herrscht hingegen ein härterer Umgangston. Hier funktioniert die Disziplinierung von Lohnarbeiter*innen nicht über flache Hierarchien und die Motivation der Mitarbeiter*innen wird nicht durch gegenseitige Anerkennung gefördert. Vor allem, wenn es um Profit und die Sorge um wirtschaftliche Einbußen geht, werden Arbeitnehmer*innen leichtfertig Gesundheitsrisiken ausgesetzt, in die Kurzarbeit geschickt oder nach Möglichkeit entlassen. Hinzu kommen erhöhte Kosten beim Familien-Einkauf, v.a. wenn Wohlfahrtsprogramme in den Alltag integriert waren. Tafeln haben teilweise geschlossen, kostenlose Mittagessen in Schulhorten oder anderen Kinder- und Jugendeinrichtungen fallen weg und aufgrund von Hamsterkäufen wird die Auswahl in den Supermärkten geringer – die billigsten Marken sind häufig zuerst ausverkauft, übrig bleiben die teuren Nudeln und das Deluxe-Klopapier. Auch Kinder leiden psychisch unter den finanziellen Sorgen der Eltern und bekommen Geldknappheit materiell zu spüren. Sind die Eltern aufgrund ihrer Arbeit erhöht einer Infektionsgefahr ausgesetzt, ist auch eine Infektion der Kinder wahrscheinlicher.

Für alle bedeutet das Zurückgeworfensein auf das zu Hause neue soziale Herausforderungen: Auch Reichtum schützt nicht vor unversöhnlichen Konflikten im trauten Heim. Familiäre Konflikte mit Geschwistern und Eltern nehmen zu. Alle verbringen viel mehr Zeit zusammen als üblich, das ist auch für die Eltern anstrengend und löst Stress aus. Zusätzlich erschwert wird dies allerdings durch fehlende Rückzugsorte in beengten Wohnverhältnissen. Ließen sich außerdem Lohnarbeit, Haushalt und Kindeserziehung schon vor Corona schlecht unter einen Hut bringen (zumindest dort, wo das Geld fehlt, um die Reproduktionsarbeiten an bezahlte Care-Kräfte auszulagern), wird die Doppelbelastung der Eltern (in den meisten Fällen der Mütter) durch das Zurückgeworfensein auf die eigenen vier Wände noch intensiviert.

Auch Kindeswohlgefährdung zieht sich durch alle sozialen Schichten. Für Kinder, die davon betroffen sind, ist die Familie ein Ort des Terrors. Sei es Kindesmissbrauch, Verwahrlosung, emotionale und psychische Gewalt oder körperliche Strafen – aktuell sind Kinder stärker als sonst ihren Erziehungsberechtigten unmittelbar ausgeliefert. Da viele Institutionen des Kinderschutzes kommunal organisiert sind und neben dem Jugendamt und städtischen Einrichtungen eine Vielzahl freier Träger das Feld bespielen, gibt es seit Beginn des Kontaktverbots keine einheitliche Vorgehensweise in Sachen Kinderschutz. Teilweise wird die Arbeit so gut es geht aufrechterhalten, teilweise wurden Kinder aus Heimen oder Tagesgruppen wieder in ihre Familien geschickt, teilweise entfällt die Unterstützung von Eltern, welche die Versorgung ihrer Kinder (z.B. Einkauf) nicht hinbekommen, durch Sozialarbeiter*innen, teilweise werden Inobhutnahme-Fälle von Familiengerichten nicht bearbeitet. Zwar sind Sorgetelefone und Kindernotrufe weiterhin erreichbar, doch die Möglichkeiten, Kinder aus der Gefährdungssituation zu holen oder sie in der Situation zu unterstützen bzw. zu entlasten, sind stark eingeschränkt. Expert*innen gehen von einer Intensivierung häuslicher Gewalt aus.

Über angebliche Asoziale, die ihre Kinder noch rauslassen, und egoistische Jugendliche

Im Großen und Ganzen werden die aktuellen Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen eingehalten – sei es aus Angst vor staatlichen Sanktionen, Angst vor einer Ansteckung oder der von Angehörigen, oder aus dem Wunsch heraus, einen Beitrag zur Eindämmung der Pandemie zu leisten. Beobachtete Regelverstöße sorgen für Empörung. In einer Berliner Telegram-Gruppe mehrerer Eltern der gehobenen Mittelschicht werden selbstgeschossene Fotos von Kindern geteilt, die noch auf Spielplätzen spielen – das sei doch asozial, wo könne man das zur Anzeige bringen. Der Pöbel erweist sich für sie wieder einmal als gemeinschaftsschädigend, als undiszipliniert, unbelehrbar und gefährlich. Dabei lassen sich Kontaktverbot und Ausgangssperre in einer großzügigen Wohnung mit Balkon natürlich um einiges besser aushalten, als in einer überbelegten Wohnung ohne Balkon oder (Schreber-)Garten. Wer seine Kinder zu Hause auch aufgrund der beengten Verhältnisse nicht mehr aushält, schickt sie bei gutem Wetter ins Freie. Wer sich derzeit jedoch ins Freie wagt und (abhängig vom Bundesland) nicht gerade auf dem Weg zur Arbeit oder in den Supermarkt ist, ist potenziell der Willkür von Polizei und Ordnungsamt ausgesetzt und kassiert schlimmstenfalls Bußgelder, weil die Auflagen nicht beachtet wurden.

Wie streng die offiziellen Corona-Auflagen im Privaten umgesetzt werden, ist nicht zuletzt eine Frage des eigenen Ermessens. Dieses ist wiederum keine rein individuelle Angelegenheit, sondern hängt wesentlich mit der eigenen gesellschaftlichen Stellung zusammen. Insbesondere die sogenannte Unterschicht erfährt in der Regel vom den Rest der Gesellschaft Härte und Rücksichtslosigkeit (‚denen kann man es ja zumuten‘), was die Rede von gegenseitiger Verantwortungsübernahme (‚wir schaffen das‘) zynisch erscheinen lässt und sich notgedrungen auch in den eigenen Alltag einschreibt: Erfolgreich ist, wer sich um sich selbst kümmert – darauf, dass sich Andere um einen kümmern, sollte man sich besser nicht verlassen. Andersherum gilt: Je mehr der eigene Job mit dem Gemeinwohl identifiziert wird (wenn auch oft fälschlicherweise) und die gesellschaftliche Stellung einem das Gefühl gibt, einen wichtigen Beitrag zu leisten, Verantwortung zu tragen und das eigene Leben gestalten zu können, desto naheliegender ist es, das private Handeln als maßgeblich in der Bekämpfung der Corona-Pandemie zu begreifen (‚auf mich kommt es jetzt an‘). Der daraus entstehende Moralismus (die Gewissheit, im Interesse des Gemeinwohls zu handeln) füttert Distinktionsgehabe und speist den Vorwurf der Asozialität gegen alle, die sich nicht ähnlich streng verhalten (‚Wie können einem andere nur so egal sein?‘).

In den letzten Wochen gab es auf sozialen Medien viel Hetze über Jugendliche und junge Menschen zu lesen, die mit ihren vielen Sozialkontakten für die durch Corona ausgelöste gesellschaftliche Krise verantwortlich gemacht werden. Doch sie sind es nicht, die die Welt so eingerichtet haben, wie sie ist. Weder sind sie verantwortlich für die Zunahme an Viren-Epidemien durch Umweltzerstörung und Massentierhaltung, noch für die Privatisierung des Gesundheitswesens. Auch riskieren nicht sie die Gesundheit ihrer Eltern, indem sie diese trotz Ansteckungsgefahr zur Arbeit zwingen, verschlimmern nicht sie die finanzielle Lage der Eltern, indem sie weiter Miete verlangen oder Eltern in Kurzarbeit schicken – dafür sind die Eltern der reichen Kinder, die brav zuhause bleiben können, verantwortlich. Die Umdeutung gesellschaftlicher Konflikte in Generationenkonflikte verschleiert gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse.

Staatliche „Hilfe“ lässt Probleme besser aushalten, anstatt sie zu lösen

Da korrigierende Maßnahmen des Staates in Erziehungsangelegenheiten aufgrund der Covid-19-Pandemie temporär zurückgezogen werden, sind Familien mit all ihren Problemen mehr als zuvor auf sich selbst zurückgeworfen. Die Schwierigkeiten, mit denen sich proletarische Familien dabei konfrontiert sehen, sind dabei nicht erst durch Corona entstanden – die Schule war schon vorher scheiße, die Wohnung ist nicht jetzt erst zu klein und das Geld reichte auch vorher nur für einen Monat. Wo kein Urlaub geplant war, kann er aufgrund der Pandemie auch nicht ausfallen.

Doch lässt sich durch die temporäre Einstellung staatlicher Unterstützungsangebote in der Erziehung erkennen, wie diese „Hilfen“ normalerweise funktionieren. Sehr wenig Geld kommt direkt bei den Familien an und landet stattdessen bei einem ganzen Heer von Sozialarbeiter*innen, Berater*innen und Expert*innen. Ihre „Hilfe“ ändert jedoch nichts an den Verhältnissen, aufgrund derer Kinder und Jugendliche gegebenenfalls Probleme mit staatlichen Institutionen bekommen. Nicht, dass die Schule eine Qual ist, interessiert das Jugendamt, sondern dass die Schule geschwänzt wird. Nicht, dass Zuhause keine Ruhe für Hausaufgaben ist, sondern dass diese nicht gemacht werden. Nicht, dass das Taschengeld zu gering ist, sondern dass geklaut wird.

Die Rede von Eigenverantwortlichkeit, ein Programm des „Förderns und Forderns“ (= Anpassung, Kontrolle und Sanktionen), bei faktischer Dauerabhängigkeit von staatlichen Erziehungshilfen ist das Kennzeichen dieser Form von Sozialer Arbeit. Sie löst die Probleme nicht – bestenfalls wirkt sie lindernd und macht sie länger aushaltbar, indem sie die Eltern entlastet und die Kinder oder Jugendlichen diszipliniert (oder umgekehrt, je nach Fall).

Verschärfung von Klassengegensätzen durch die wirtschaftliche Rezession

Die durch die Pandemie verschärfte Wirtschaftsrezession lässt befürchten, dass die Schere zwischen Arm und Reich noch breiter wird. Proletarische Kinder und Jugendliche sind einerseits durch die Job-Situation der Eltern und andererseits durch einen möglichen Abbau sozialstaatlicher Leistungen (etwa in Form der Schließung von Jugendklubs oder von Kinderschutzeinrichtungen) bei sinkenden Steuereinnahmen gefährdet.

Kindheit im Kapitalismus ist kein Kinderspiel. Die Wahl zwischen Eltern, Lehrer*innen oder Sozialarbeiter*innen ist eine schlechte Wahl. Erziehung durch den Staat oder durch die Familie – beides ist für Kinder von Lohnabhängigen kein Garant für ein gutes Leben. Den Kindern und Jugendlichen lässt sich nur raten, ihre Eltern zu Kommunist*innen zu erziehen oder zumindest selber welche zu werden. Und so schnell es geht, die Organisation von Freizeit und Bildung soweit es geht in die eigene Hand zu nehmen.

Stellungnahmen, Positionspapiere, Einschätzungen zum Kinderschutz und zur Kinder- und Jugendarbeit in Zeiten von Corona:

Not-Telefone:

  • Not- und Seelsorge-Telefone für Kinder und Jugendliche sind weiterhin erreichbar und werden teilweise temporär ausgebaut. Die meisten Kinderschutz-Angebote arbeiten lokal oder landesweit, es macht also Sinn, regional zu recherchieren. Hier eine Übersicht der Kinder- und Jugendschutzdienste in Thüringen: https://www.jugendschutz-thueringen.de/kinderschutzdienste

Eine Formulierung ist inspiriert durch Ulrike Meinhofs Vorbemerkungen über Fürsorgeerziehung zum Drehbuch des Films Bambule

2 Gedanken zu “Kindheit in der Pandemie ist kein Kinderspiel

  1. Pingback: Die Grundschule in Zeiten sozialer Isolation – Gedanken zum Spagat zwischen leeren und vollen Klassenzimmern – Solidarisch gegen Corona

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