»Gesundheits­schutz kann system­sprengend sein«

Gesundheit ist im Kapitalismus immer auch eine Klassenfrage. In der Covid-19-Pandemie zeigt sich das in besonderer Schärfe. Wir führten darüber ein Gespräch mit dem Arbeits- und Gesundheitsforscher Wolfgang Hien über Krankheit, Angstabwehr und die Coronakrise.

Das Interview erschien zuerst am 02. Juli in gekürzter Fassung in der Jungle World.

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  1. Du hast 2018 das Buch Die Arbeit des Körpers veröffentlicht, eine kritische Arbeitsgeschichte von der Hochindustrialisierung bis zur neoliberalen Gegenwart. Darin gehst du der Frage nach, wie und warum die Arbeit im Kapitalismus zur Zerstörung der Gesundheit der Arbeiterinnen und Arbeiter führt. Dem Buch merkt man an, dass du dich schon sehr lange mit diesem Thema befasst. Wie kam es zu dieser Beschäftigung?  

Es ist mein Lebensthema. Mitte der 1960er Jahre wurde ich als Lehrling in einem Riesen-Chemie-Betrieb – der BASF Ludwigshafen – in ein Versuchstechnikum gesteckt, in dem PVC und andere Polymer-Kunststoffe produziert wurden. PVC, das ist Polyvinylchlorid, und der Grundstoff dafür ist VC, Vinylchlorid. Ich stand mitten im VC-Gas, mir wurde übel und schlecht, aber meine Vorgesetzten und auch die lieben Kollegen meinten, das härtet ab. Und das Schlimmste: Die Betriebsärzte hielten mich für einen Simulanten.

Das Thema „Gesundheit am Arbeitsplatz“ ließ mich nicht mehr los, erst mal ganz persönlich, dann aber mehr und mehr auch politisch und schließlich auch beruflich.

Anfang der 1970er erfuhr ich, dass VC neurotoxisch und kanzerogen, also krebserzeugend, ist. Es stellte sich heraus, dass VC zu den schlimmsten Krebserzeugern gehört. Ich verließ die BASF, arbeitete dann im Cadmium-Betrieb der Degussa in Frankfurt, und auch da stand ich im Gift. Ich hatte Glück, dass ich insgesamt nur knapp zehn Jahre in der Industrie arbeitete und dann versucht habe, mich anders zu orientieren. Menschen, die 40 Jahre und länger diesen Stoffen ausgesetzt sind, haben schlechtere Chancen.

Das gilt heutzutage vor allem für die schlecht informierten und daher wenig geschützten Leiharbeiter/innen, Reinigungsarbeiter/innen, Logistikarbeiter/innen, so z.B. für Tanklastwagenfahrer aus Osteuropa, die beim Be- und Entladen, beim Reinigen und Umfüllen usw. oft bis zur Halskrause im Gift stehen und arbeiten müssen. Das ist furchtbar, und ich wünschte mir, dass hier viel mehr an Aufklärung und auch an Mobilisierung gegen Gesundheitszerstörung passiert.

  1. Aktuell erleben wir eine Pandemie des Sars-CoV-2 Virus, die uns vermutlich noch eine lange Zeit beschäftigen wird. Manche behaupten, das Virus sei demokratisch, da es alle Menschen treffen könne, selbst Prominente wie Boris Johnson oder Tom Hanks. Strukturell betrachtet sind Menschen dem Virus aber umso eher ausgesetzt, je niedriger sie im sozialen Gefüge stehen – während sich die Reichen in ihren Villen im Grünen relativ gut vor dem Virus schützen können, kommt es in Geflüchtetenunterkünften und Gefängnissen regelmäßig zu großen Ausbrüchen. Ist dieser Zusammenhang von Krankheit und sozialer Ungleichheit eine Besonderheit von Covid-19?

Gesundheit und Krankheit haben im Kapitalismus generell einen Klassencharakter. Das zeigt sich an ganz vielen Aspekten. Arbeiter/innen sind den meisten Gefährdungen ausgesetzt, bei der Arbeit, im Wohnumfeld, bei den preisgünstigen Lebensmitteln – überall. Und sie haben die schlechteste Unterstützung hinsichtlich Information und medizinischer Versorgung. Immer noch werden kranke Arbeiter/innen als Simulanten/-innen oder einfach als „Schwächlinge“ abgestempelt. Oder es wird ihnen unterstellt, sie untergrüben mit ihrem „schlechten Lebensstil“ selbst ihre Gesundheit. Solche Meinungen schwirren im bürgerlichen Kreisen immer noch – oder wieder – herum, das bringt mich jedes Mal, wenn ich das mitkriege, auf die Palme.

  1. Wie verhält sich das zu der Tatsache, dass es durch den Kapitalismus zu einer deutlichen Verlängerung der durchschnittlichen Lebenserwartung gekommen ist?

Was heißt hier längere Lebenserwartung? Der Unterschied zwischen Arm und Reich beträgt in der Lebenserwartung zehn Jahre, schon lange ist das so, und die Differenz verringert sich nicht. Das ist ungeheuerlich. Und selbst dann, wenn Arbeiter/innen heute länger leben als vor 50 Jahren, so leben sie häufig mit schweren chronischen Erkrankungen, mit Schmerzen, Einschränkungen, Behinderungen. Ich habe nicht wenige ehemalige Werftarbeiter mit völlig kaputten Lungen erlebt, die nur noch mit Sauerstoff leben konnten. Und jede Nacht Luftnot mit Todesangst haben.

  1. Du beschreibst in deinen Texten über Gesundheit in der Arbeitswelt verschiedene Strategien der „Arbeitgeber“, die Verantwortung für krankmachende Arbeitsprozesse von sich zu weisen und sie den Lohnabhängigen zuzuschieben. Eine besonders perfide Strategie ist der Verweis auf Vererbungslehren. Obwohl z.B. Krebs oder Depressionen durch spezifische Lebens- und Arbeitsbedingungen (mit)erzeugt werden, wird hier schnell auf eine genetische Disposition verwiesen. Beobachtest du solche Tendenzen auch in der aktuellen Debatte um Sars-Cov-2?

Oh ja, die Erbgesundheitslehre lebt noch, ja, sie feiert fröhliche Urständ, auch wenn sie heute nicht so genannt wird. Man spricht von „individualisierter Medizin“, und die genetische Analyse gehört in vielen Fällen schon zum diagnostischen Setting.

Nur, es ist heutzutage alles ein bisschen verdeckter. Man gibt zu, dass Krankheit ein multifaktorieller Prozess ist, doch am Ende werden flugs „Risikogruppen“ definiert, ohne dass hierfür wissenschaftliche Evidenz vorhanden ist. Am Schlimmsten finde ich, dass vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie das Alter an sich schon ein Kriterium für Separierung und schließlich auch Stigmatisierung und Ausgrenzung ist. Einige mutige Wissenschaftler wie Andreas Seidler, Arbeitsmediziner in Dresden, und Gabriela Petereit-Haak, Landesgewerbeärztin in Wiesbaden, verwehren sich dagegen. Ich zitiere sie mal wörtlich und bitte, vom etwas gedrechselten Wissenschaftsdeutsch abzusehen:

Insgesamt erscheint eine pauschale Gleichsetzung von Personen über 60 Jahren mit Personen, die an teilweise schweren Vorerkrankungen leiden, willkürlich und unverhältnismäßig. Die undifferenzierte Einstufung über 60-jähriger Beschäftigter als Risikogruppe kann einer Stigmatisierung Älterer Vorschub leisten, kann erhebliche biographische Einschnitte, psychische Probleme und nicht zuletzt auch ökonomische Notlagen mit sich bringen. (…)

Allgemeine Lösungsansätze können nicht im selektiven Fernhalten älterer Beschäftigter vom Arbeitsplatz liegen. Vielmehr ist ein Niveau des Arbeitsschutzes zu gewährleisten, das älteren Beschäftigten – wie auch Beschäftigten mit Risikofaktoren und ggf. auch Vorerkrankungen – nach verantwortbarer Lockerung der Infektionsschutz­maßnahmen die Teilhabe am Arbeitsleben auch in den Zeiten von COVID-19 ermöglicht. Diesbezüglich sind die Gefährdungsbeurteilungen zur Gewährleistung des Arbeitsschutzes (auch) für ältere Beschäftigte anzupassen. Es sind wirksame technische, organisatorische und in letzter Linie persönliche Schutzmaßnahmen unter Einbezug der Arbeitsschutzexpert*innen (Betriebsärztin bzw. Betriebsarzt, Fachkraft für Arbeitssicherheit) am Arbeitsplatz zu etablieren, die allen Beschäftigten ein Arbeiten unter hinreichendem Infektionsschutz ermöglichen.“1

  1. Zuletzt gewannen auch in Deutschland Bewegungen wie Widerstand 2020 an Boden, die eine „Befreiung“ von staatlichen Eindämmungsmaßnahmen fordern und auf deren „Hygienedemos“ Verschwörungsmythen grassieren. Dies verbindet sich mit einer pauschalen Skepsis gegenüber medizinischem Fachwissen bzw. führen sie Alternativ-Experten an, deren Forschung angeblich vom Mainstream unterdrückt wird. Diese Haltung gibt sich kritisch, wirkt aber zynisch angesichts des Krankheitsgeschehens etwa in Norditalien, wo in manchen Großstädten bis zu siebenmal so viele Menschen während der Pandemie gestorben sind, wie im gleichen Zeitraum der Vorjahre.
    Aus welchen Gründen werden deiner Ansicht nach Maßnahmen, die dem Gesundheitsschutz der Bevölkerung dienen sollen, abgewehrt?  

Das ist ein großes Thema. Das hat ganz entscheidend mit Angstabwehr zu tun. Ich habe mich viel mit Kritischer Theorie beschäftigt, und hier sehen wir meiner Meinung nach, wie wichtig Kritische Theorie ist.

Angst ist ein existenzielles, grundmenschliches und unvermeidbares Gefühl. Was von linken, stark vom Kriterium des rationalen Denkens geleiteten AktivistInnen leider oft übersehen oder nicht wahrgenommen wird, ist die anthropologische Grundtatsache, dass Emotionen und Affekte den evolutionsbiologisch vererbten Rahmen darstellen, in dem sich Kommunikation und Kooperation abspielen.

Angst verbindet sich affektiv immer auch mit Endlichkeit und Tod. Sie ist unvermeidlich und überkommt den Menschen, wenn ihm/ihr Informationen fehlen oder er/sie Informationen falsch einschätzt, wenn die soziale Umwelt unverständlich wird, wenn Handlungsoptionen aus dem Blickfeld geraten, wenn im eigenen Tun oder gar im eigenen Sein kein Sinn mehr erkennbar ist.

Doch Angst ist immer auch ein Signal, das uns auffordert, sich neu zu orientieren. Sie kann ein Signal sein, sich mit anderen auszutauschen und zu verbünden, um neue Handlungsoptionen, neue Wege aus dem Dickicht zu finden und gemeinsam zu begehen. Angst kann eine Energie sein, die zu einer neuen Stärke führt.

Es heißt oft, Angst sei kein guter Ratgeber. Doch das stimmt nicht. Die Verleugnung und Verdrängung der Angst, das ist das Problem. Mir will es scheinen, dass die Corona-Leugner und Verschwörungstheoretiker den starken Macker spielen, eine Fassade des Hart-Seins und Stark-Seins aufbauen. Diesem Irrweg entgegenzutreten ist das Gebot der Stunde

  1. In deinem Buch Gegen die Zerstörung von Herz und Hirn beschreibst du Erfahrungen, die du selbst mit einer Arbeitskultur der Härte gemacht hast, wie sie in der Chemieindustrie geradezu ritualisiert war. Diese Kultur kommt nicht von ungefähr, denn man muss sich unter kapitalistischen Bedingungen oftmals einen „Körperpanzer“ zulegen, um die harten Arbeitsbedingungen überhaupt auszuhalten. Vor allem Männer arrangieren sich häufig mit diesen Zumutungen durch einen positiven Bezug auf Durchhaltevermögen, Kraft und Stärke und eine Abwehr von Verletzlichkeit und Schwäche. D.h. die Identifikation mit den herrschenden Vorstellungen prägt uns bis in unsere Leiblichkeit.
    Nun kam es in den vergangenen Monaten aber auch weltweit zu Streiks und Protesten, in denen sich Arbeiter*innen aktiv für ihren Gesundheitsschutz einsetzen. Unter welchen Bedingungen wehren sich Arbeiter*innen gegen die Arbeitsbelastungen und die Zerstörung der eigenen Körper und welche Rolle könnten diese Auseinandersetzungen für tiefergehende gesellschaftliche Veränderungen spielen?

Voraussetzung eines gelebten Gesundheitsschutzes im Betrieb ist nicht nur die Einhaltung von Gesetzen und Normen, sondern die Einsicht, dass wir alle verletzliche Wesen sind, d.h. dass Mitgefühl, Rücksichtnahme, Hilfestellung, wechselseitige Verantwortung und im Alltag gelebte Solidarität auf längere Sicht überlebensnotwendig für uns alle sind.

Wir können uns vor Gefährdungen, Zurichtungen und Drangsalierungen nur schützen, wenn wir zunächst einmal unsere grundsätzliche Verletzlichkeit anerkennen. Nicht alle Gefährdungen sind grundsätzlich kontrollierbar, wohl aber durch solidarisches Handeln eingrenzbar. In diesem Kontext können sich unsere Angst und unsere Wut zu einer kollektiven Kraft verwandeln; dann braucht sich die Wut kein Ersatzobjekt zu suchen.

Die Corona-Krise können wir nutzen, um uns unserer Verletzlichkeit, unserer Hilfebedürftigkeit und der Notwendigkeit der Solidarität neu gewahr zu werden. Sie zeigt uns erneut die objektive Notwendigkeit, den neoliberal verordneten Individualismus zu überwinden. Der Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz kann in diesem Sinne systemsprengend sein, und als solchen sollten wir ihn aufgreifen.

Ich wünschte mir, dass Leiblichkeit, die kollektive leibliche Performanz, zu einem politischen Faktor der Veränderung wird. Ob dies jetzt oder überhaupt je geschehen wird, kann ich nicht sagen. Mein großer Lehrer Ernest Mandel prognostizierte 1970, dass es noch fünf Jahre dauern würde bis zur europäischen Revolution. Dem war bekanntlich nicht so. Deshalb bin ich sehr vorsichtig mit Prognosen.

  1. Während du im Kampf um Gesundheit ein systemsprengendes Potential siehst, warnten zuletzt auch einige vor einer „Gesundheitsdiktatur“ (Juli Zeh). Nicht nur „die Wirtschaft“, sondern auch verschiedene andere Güter seien durch die einseitige Orientierung der Politik an der Eindämmung des Infektionsgeschehens bedroht. Inwieweit sind solche Bedenken gerechtfertigt? Wie finden wir das richtige Maß hinsichtlich des Gesundheitsschutzes?

Gesundheit ist zwar nicht alles, doch ohne einen einigermaßen gesunden Körper und einen einigermaßen gesunden Geist ist alles nichts. Gesundheit ist eine elementare Grundvoraussetzung eines guten Lebens. Gesundheit ist dabei viel mehr als die Abwesenheit körperlicher Gebrechen. Gesundheit ist psychosomatisches und soziales Wohlbefinden, d.h. eine Situation als Person, die eine aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben ermöglicht.

Es geht nicht darum, Krankheit als solche aus der Welt zu schaffen. Krankheit und Tod gehören zum Menschsein. Es geht darum, sich der schädlichen Einflüsse, die vorzeitig zu Krankheit und unnötigem Leiden führen, bewusst zu werden, sie abzustellen oder so weit wie irgend möglich zu begrenzen. Ungünstige Arbeits- und Lebensverhältnisse tragen zu diesem unnötigen Leid bei. Die Aufgabe von Prävention bzw. Gesundheitsschutz ist die, ursächliche Faktoren dieser vermeidbaren Gesundheitsschäden herauszufinden und entsprechende Maßnahmen zu deren Verhütung zu treffen.

Doch das ist nicht alles. Die Bremer Gesundheitswissenschaftlerin Annelie Keil sagt mit Recht: „Ich fürchte mich vor einer Gesundheitsüberwachung, die allein die körperliche Unversehrtheit zum höchsten Gebot erklärt“ (Weser-Kurier, 25. April 2020). Wenn unsere sozialen Kontakte, im Betrieb wie im Privatleben, Gegenstand totaler Überwachung werden und wenn digitales Tracking und Denunziantentum ineinandergreifen, ist nicht nur unsere bürgerliche Freiheit bedroht, sondern auch unsere seelische und psychosomatische Gesundheit. Dann leben wir nur noch in Angst. Das kann und darf es nicht sein!

  1. In den Arbeitskonflikten für Gesundheitsschutz, die in den letzten Monaten in verschiedenen Ländern geführt wurden, waren die Gewerkschaften häufig kaum wahrnehmbar. Woran liegt das? Welche Rolle spielt die Arbeiter*innengesundheit für die Gewerkschaften? 

Keine große Rolle, leider. Die Gewerkschaften haben sich immer wieder die Gesundheit gegen Geld abkaufen lassen. Schichtarbeit ist so ein Beispiel hierfür. Sie haben immer wieder versäumt oder gar verhindert, dass menschenwürdige Arbeit tatsächlich im Vordergrund steht. Eigenständige Kampagnen gegen die Politik der Berufsgenossenschaften beispielsweise, die Zehntausenden von Berufserkrankten die kalte Schulter zeigt, meidet sie, weil ihre eigenen Leute in der Selbstverwaltung dieser Institutionen sitzen.

Wir – d.h. alle möglichen fortschriftlichen Kräfte bis zur linken Sozialdemokratie, nicht zuletzt sogar eine Mehrheit der Fachleute der Bundesländer – fordern seit den 1970er Jahren die Umkehr der Beweislast bei Berufskrankheitenverfahren. Nun hat der Bundestag eine Gesetzesnovelle durchgewunken, und diese Forderung wurde erneut ignoriert. Was macht die IG Metall: Sie sagt: Juhu, wir haben einen großen Fortschritt erzielt. Ich will jetzt nicht in die Einzelheiten gehen, aber der Fortschritt ist beileibe nicht groß. Es ist geradezu lächerlich.

In der aktuellen Situation hätten Gewerkschaften, so reformistisch und systemgebunden auch immer sie sind, auf den Plan kommen müssen: Jetzt wäre die Gelegenheit über andere Produkte zu reden, weg vom Auto, hin zu konkret nützlichen Dingen, d.h. natürlich auch alternativen Verkehrssystemen. Jetzt wäre die Gelegenheit, die 28-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich zu fordern und dafür zu mobilisieren. Die generelle Arbeitszeitverkürzung müsste jetzt, gerade jetzt, durchgesetzt werden, damit alle – Männer wie Frauen – endlich gleichberechtig die Sorgearbeit mit Kindern und Alten übernehmen. Und ich wünschte mir Sanktionen gegen diejenigen Männer, die sich beharrlich der Sorgearbeit entziehen.

Ich frage mich, wieso jetzt nicht die geballte Forderung nach kompletter Rekommunalisierung der Krankenhäuser und der Pflege kommt, nach einer Verdopplung des Gesundheitsetats, vor allem um den Gesundheitsarbeitern/-innen 50 bis 100 % mehr Lohn zu zahlen? Wieso bleiben die Stimmen nach grundlegender Veränderung so leise und so schwach?

Skandalös ist, dass der Staat und die eng mit ihm verbundenen Gewerkschaften gegenwärtig Millionen von prekär Beschäftigten ins Elend stürzen, gleichsam ins doppelte Elend: Sie werden nicht oder unzureichend berücksichtigt beim aktuellen Gesundheitsschutz – siehe Schlachthöfe – und sie werden zu allem Übel noch weggetrieben, meist ohne Arbeitslosenunterstützung, also ins glatte materielle Elend getrieben.

  1. Wir waren in den letzten Monaten irritiert darüber, dass das medizinische Expertentum so viel Aufmerksamkeit bekommen hat, sowohl in den Leitmedien, als auch in linken Kreisen. In der Expertenkultur monopolisieren einige Leute an der Spitze der Gesellschaft (Professorenschaft, Regierung etc.) die Deutungshoheit über Ereignisse, die uns alle betreffen. Gleichzeitig ist es oft eine sehr einseitige Perspektive, denn ein rein virologischer Blick führt zur Ausblendung der konkreten gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen sich die Pandemie abspielt.

In der Vergangenheit gab es immer wieder Versuche, medizinisches Wissen zu demokratisieren (z.B. ACT UP in der HIV/Aids-Epidemie oder die italienische „Arbeitermedizin“). Könnten diese historischen Erfahrungen heute Ansatzpunkte für eine Gesundheitspolitik „von unten“ bieten?

Wir stehen gewerkschafts­politisch oder arbeiterpolitisch am Anfang einer neuen Selbstfindungsphase. Wie bei jedem gewerkschaftlichen oder syndikalistischen Beginn ist der gegenseitige Austausch, das gegenseitige Erzählen, die kommunikative Öffnung elementar, verbunden mit dem Versuch, sich selbst und die Situation ungeschminkt wahrzunehmen.

Je mehr man/frau Kollegen und Kolleginnen gewinnen kann, die nicht mehr bereit sind, Helden oder Heldinnen zu spielen, desto eher ergibt sich eine Chance, die Situation zu ändern. Dabei muss politische Aufklärungsarbeit im Betrieb heute viel tiefer ansetzen als früher: Wir müssen unseren Kollegen und Kolleginnen den Wert der Alltagssolidarität aufzeigen, wir müssen sie ermutigen, in ihrer eigenen betrieblichen Lebenswelt nicht allein, sondern gemeinschaftlich Probleme anzugehen. Wir müssen Wege finden, aus der Vereinzelung herauszukommen und wieder einen Kreis vertrauter Kolleg/-innen aufzubauen. Zugegeben: Es ist das Elementare, was schwer zu machen ist.

Diese elementare Sache zu umgehen, sei es über Gesundheits- und Psychoberater, Resilienz-Coachs oder sonstige Ausgeburten der Management-Techniken, führt zu nichts – außer zu noch mehr Anpassung an die krankmachenden Verhältnisse.

Die Alternative ist der Aufbau einer Bewegung von unten, beginnend mit einer Haltungsänderung: Nicht mehr die Belastungen, den Druck und den Frust ertragen lernen, sondern in einen grundlegenden Basis-Austausch mit anderen Kollegen und Kolleginnen kommen, die zumeist unter den gleichen Problemen leiden. Sich nicht mehr verbiegen, sondern eine Sprache des Widerstandes finden, die konkret im betrieblichen Alltag verankert ist, eine Sprache, welche in der Lage ist, den verhärteten Druck kommunikativ zu verflüssigen.

Es gilt sich zu erinnern an die italienische Arbeitermedizin, die in den Arbeitskämpfen 1969 entstand und in den 1970er Jahren Belastungen und Krankheiten aus einer Perspektive „von unten“ thematisierte. Diese Bewegung generierte Ideen, die in der aktuellen Entwicklung der Arbeitsverhältnisse wieder Bedeutung gewinnen könnten: „Die Gesundheit darf nicht delegiert werden! Die Gesundheit in die eigenen Hände nehmen!“

Zu denken ist insofern an betriebliche Gesundheits-Basisgruppen, in denen die Arbeitenden selbst sich treffen, sich austauschen und miteinander besprechen können, wie sie ihren Gesundheitsschutz verbessern können – durch eigenes Handeln am Arbeitsplatz wie durch Forderungen und Aktionen, die auf Veränderung von Strukturen gerichtet sind. Überbetriebliche gewerkschaftliche und wissenschaftliche Akteure hätten dann die Aufgabe, diese betriebliche Gesundheits-Basis-Arbeit zu unterstützen und zu fördern, nicht im Sinne einer Stellvertreterpolitik, sondern im Sinne einer Entwicklung und Stärkung der Gesundheits- und Handlungs­kompetenz der Arbeitenden selbst. Auf diese Weise könnte sich eine schöpferische Kraft entwickeln, die die Klasse der Arbeitenden aus der Opferrolle heraus- und zum autonomen Handeln und Gestalten hinführt.

  1. Durch den Fokus auf die Pandemie gerät derzeit der Klimawandel etwas aus dem Blick – hier bahnt sich allerdings eine Katastrophe an, die ähnlich wie die Pandemie langfristiger und entschlossener Prävention bedürfte und andernfalls zu weitaus verheerenderen gesundheitlichen Verwerfungen führt als die Covid-19-Pandemie. Die vielen Toten im Zuge der Hitzewellen sind nur ein Beispiel von vielen. Auch hier trifft es diejenigen am Härtesten, die körperlich anstrengende Arbeiten verrichten, die sich keine Klimaanlagen leisten können usw.
    Ein großer Mangel der Klimaproteste in den westlichen Ländern ist aber bislang, dass eher bessergestellte Jugendliche und Angestellte für den Klimaschutz protestieren und das Thema kaum breitere Schichten der Gesellschaft ergreift. Was könnten Schnittstellen zwischen der Ökologiebewegung und den Interessen und Aktionsformen von Arbeiter*innen sein?

Ich bin nicht wirklich aktiv beteiligt an den Klima-Protesten. Doch ich beobachte das Geschehen seit Jahren mit großem Interesse. Dass die ökologische und soziale Problematik immer noch auseinanderfallen, ist kein Geheimnis. Zu wünschen wäre tatsächlich eine ökosoziale Peergroup, was einmal die Grünen waren, aber längst nicht mehr sind.

Ich erlebe selbst junge Menschen in meinen Lehrveranstaltungen, die sich durchaus der sozialen Aspekte der globalen Krise bewusst sind. Aber sie finden keine Anknüpfungspunkte, weil die Gewerkschaften viel zu sehr mit dem herrschenden System verbandelt sind. Ich glaube, dass es eine betriebliche Basisbewegung braucht.

Doch wie kann eine solche Basisbewegung entstehen? Viele Linke arbeiten in prekären Jobs, engagieren sich aber nicht im betrieblichen Bereich, sondern außerhalb. Der Grund ist der, dass die lieben Kollegen und Kolleginnen sich oftmals total an die betrieblichen Herrschafts- und Machtstrukturen anpassen, oftmals regelrecht unterwürfig und devot sind. Ja, das ist furchtbar. Das ist Sklavenmoral. Doch wir, die Linke, sind dafür da, gegen diese Sklavenmoral anzugehen, sie aufzubrechen, wo immer dies möglich ist.

Das ist ein schwieriger und dialektischer Prozess, d.h. dazu gehört eben auch, erst mal zu verstehen, warum sich Menschen anpassen und Angst haben. Warum sie anders reden als sie fühlen, warum sie sich Bedürfnisse einreden lassen, statt sie selbst wahrzunehmen. Ich denke an Herbert Marcuse, der in seinem Buch „Der eindimensionale Mensch“ viel Wahres gesagt hat, insbesondere das, was er nicht ausdrücklich sagt, nämlich die Hoffnung, dass sich die Eindimensionalität aufbrechen lässt.

Ich denke auch an Marcuses Wissenschafts- und Technikkritik, die ich für wichtiger denn je halte. Wenn die Klimabewegung davon spricht, dass „wir endlich die Wissenschaft ernst nehmen sollen“, finde ich, dass sie damit in eine Sackgasse fährt oder schlicht dem herrschenden System wieder auf den Leim geht. Die positivistische Wissenschaft hat zwar wichtige Erkenntnisse hervorgebracht, aber die gleiche Wissenschaftsmethode schüttet diese Erkenntnisse wieder zu.

Was wir wirklich brauchen, ist eine lebensweltlich verankerte und zurückgeführte Wissenschaft, die sich mit der leiblichen Lebenswelt der Menschen verbindet, mit ihren Sorgen und Nöten, mit ihrer materiellen Existenz. Das geht nicht über den Kopf, sondern über die leibliche Lebenswelt. Wenn sich jetzt die Soziologen und Psychologen überstürzen in Internetbefragungen, dann erfassen sie eher das, was zählbar, rechenbar und schließlich eben wieder doch manipulierbar ist. Sie erfassen nicht, wo die Ansatzpunkte für eine existenzielle Lebensänderung liegen. Doch darauf, das herauszufinden, wird es ankommen, denke ich.

1 Quelle: https://www.public-health-covid19.de/images/2020/Ergebnisse/2020_04_23_Fact_Sheet_Auswirkungen_auf_ltere_Beschftigte_V3.pdf

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