Hotel in Minneapolis für Obdachlose besetzt

Die Ermordung George Floyds durch den Polizisten Derek Chauvin hat zur heftigsten Revolte seit Jahrzehnten in den USA geführt. In hunderten Städten kam es zu Massendemonstrationen, Riots und Plünderungen. „I can‘t breathe“ hallt seitdem wie ein Schlachtruf durch die Straßen von Minneapolis, Los Angeles und New York.

Es waren die letzten Worte des Afro-Amerikaners Goerge Floyd; und gleichzeitig könnte kein Satz besser die Folgen der Lungenkrankheit Covid-19 versinnbildlichen. Denn es ist nicht nur die tödliche Polizeigewalt, die schwarze US-Amerikaner besonders oft tödlich trifft. Mit dem Corona-Virus infizierte Afro-Amerikaner sterben sieben Mal häufiger als jede andere Bevölkerungsgruppe – was wohl vor allem an der schlechten Gesundheitsversorgung von ärmeren Schichten und schlechtem Hygieneschutz in miesen Jobs liegt, in denen Schwarze und Latinos überproportional vertreten sind. Genauso verhält es sich mit den dramatischen, ökonomischen Folgen der sich anbahnenden Wirtschaftskrise: Den zeitweise über 40 Millionen Arbeitslosen drohen drastische Verarmung und eine neue Welle von Obdachlosigkeit.

Die Wut richtet sich als erstes gegen das Offensichtliche: Rassistische Staatsbedienstete in Uniform, die nach eigenem Ermessen töten dürfen, ohne dafür belangt zu werden. Wenn dem Scharfmacher Donald Trump dann nichts Besseres einfällt, als den Aufständischen mit „bösartigsten Hunden“ zu drohen und damit die Zeiten der Sklaverei in den USA wachzurufen, ist jede Empörung über Riots und Gewalt gegen die martialisch ausgerüstete Polizei nicht nur lächerlich, sondern absurd.

Um der Polizeigewalt ein Ende zu bereiten und gleichzeitig die dramatischen sozialen Spaltungen aufzuheben, bräuchte es aber mehr als Massenproteste auf den Straßen. Schon jetzt versuchen die US-Demokraten um die Stimmen der Revoltierenden und ihrer liberal gesonnenen Sympathisanten für die Wahlen im November zu buhlen.

Fernab davon gibt es auch Formen der direkten Aneignung lebensnotwendiger Bereiche. In Minneapolis haben Lohnabhängige unter dem Schutz der Revolte gezeigt, was über die Konfrontation mit der Staatsmacht hinaus möglich ist. Kurzerhand bemächtigten sie sich eines durch das Corona-Virus ohnehin leerstehenden ehemaligen Sheraton-Hotels und funktionierten es zu der vermutlich komfortabelsten Unterkunft für Obdachlose in den USA um.

Dass dies ohne Widerstand der Hotelbesitzer möglich war, ja diese der Besetzung sogar mit „Wohlwollen“ zusahen ist sicherlich der Flaute von Gästen aufgrund von Corona geschuldet. Zumal das Hotel so vor der Gefahr, in Flammen aufzugehen, am besten geschützt war. Diese rosigen Bedingungen für eine Besetzung währten leider nur für kurze Zeit. Kaum waren Proteste und Pandemie gebändigt, beriefen sich die Besitzer auf das eherne Gesetz des Privateigentums und ließen das Hotel räumen.

Wie schon in den vielen Protesten des letzten Jahrzehnts – ob in Kairo, Istanbul, Paris oder Beirut – ist auch in den USA bislang keine Verallgemeinerung der Revolte zu erkennen, in der die Praxis der Zertrümmerung von Polizeistationen und Schaufenstern um eine Perspektive der dauerhaften Aneignung und Umwälzung der Warenproduktion erweitert würde. Damit solche Aneignungen massenhafte Verbreitung finden können, reicht es nicht, mit der Bourgeoisie zu verhandeln. Stattdessen muss ihre und die Macht des Staates gebrochen werden.

Doch gerade weil weitertreibende Aktionen wie die in Minneapolis bisher marginal bleiben, ist es unserer Meinung nach wichtig, ihr anregendes Beispiel bekannt zu machen. Im Folgenden dokumentieren wir unsere Übersetzung eines Berichts aus der Lokalzeitung Minnesota Reformer.

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Abu Bakr kam am Samstag in das ehemalige Sheraton Hotel in Süd-Minneapolis, nachdem er gehört hatte, dass die community es für Menschen übernommen hatte, die sonst nicht wussten, wohin sie sollten.
Bakr hatte die meiste Zeit des letzten Jahres in seinem Auto gewohnt, das aber nun in den Aufständen und Protesten, die in Reaktion auf den Polizeimord an George Floyd durch die Stadt und das Land fegten, in Flammen aufgegangen ist.
„Ich bin dankbar. Es ist viel besser, hier zu sein“, sagt Bakr, der einer von mehr als 200 Leuten ist, die in dem Hotel leben und arbeiten.
Es gibt keine Organisation die das Hotel betreibt. Es gibt keinen Manager, mit dem man sprechen könnte. Aber dennoch werden Menschen in ihre Zimmer eingecheckt, Bettlaken werden gewaschen, Mahlzeiten serviert und kontaktintensive Flächen desinfiziert – ein Zeichen der anhaltenden COVID-19-Pandemie.
„Die Leute organisieren sich selbst. Wir kümmern uns umeinander,“ sagt Rosemary Fister, ein Mitglied der community, die bei der Beschlagnahmung des Hotels geholfen hat.


Die ersten zogen am Freitag ein, dem Höhepunkt der Ausschreitungen in Minneapolis, als Revoltierende, die sich unter die friedlichen Demonstranten gemischt hatten, große Kaufhäuser und inhabergeführte Läden gleichermaßen plünderten und in Brand setzten. Der Eigentümer des Hotels bereitete sich gerade auf die Evakuierung vor, als die Aktivistinnen eintrafen, berichten Fister und Cat Raia, ein*e andere*r Freiwillige*r.
„Wir teilten den Eigentümern mit, dass wir bleiben werden,“ sagt Fister. „Sie waren sehr wohlwollend, als wir ihnen erklärten, was wir vorhaben, und haben den Leuten erklärt, wie man die Räumlichkeiten betreibt.“

Am Tag drauf zogen Leute ein und in der folgenden Nacht wurden es noch mehr, da es ein Ort war, wo man sich während der nächtlichen Ausgangssperren aufhalten konnte.
„Und alles läuft weiterhin gut“, sagt Fister, während sie vor einem weißen Bettlaken mit der Aufschrift „Wohnraum ist das Heilmittel“ steht.

Die Eigentümer konnten nicht für eine kurzfristige Stellungnahme erreicht werden, haben aber Fister zufolge das Management der Immobilie aufgegeben, während sie die Bemühungen weiterhin unterstützen. Während die meisten Hotels in der Metropolregion Minneapolis-Saint Paul auf Grund des Coronavirus leer stehen, sind in dem vierstöckigen ehemaligen Sheraton alle Zimmer belegt. Um noch mehr Menschen zu beherbergen, werden weitere Flächen des Hotels in Schlafstätten verwandelt – die Warteliste ist inzwischen auf über 100 Anwärter*innen angewachsen.


Am Montag um 21 Uhr versammelten sich Anwohnerinnen und Freiwillige vor dem Hotel, das sich in einen Zufluchtsort verwandelt hat, um einen Sicherheitsdienst für die Nacht aufzustellen. Das Hotel liegt nur einen Block von der Lake Street entfernt, wo es zur heftigsten Zerstörung gekommen ist, und weniger als zehn Blocks entfernt von der Stelle, an der Floyd starb, nachdem der Beamte der Polizeibehörde von Minneapolis Derek Chauvin über acht Minuten lang auf seinem Hals gekniet hatte. Chauvin wurde später entlassen und verhaftet.
Inmitten der Trümmer bleibt das Hotel unversehrt, dank seiner neuen Bewohnerinnen, die auf das Anwesen aufpassen.
„Ich denke, dass wir das Gebäude vor der Brandschatzung bewahrt haben, indem wir Leute hier untergebracht haben“, sagt Fister. „Wir beschützen dieses Gebäude. Es gehört der community.“


Viele derer, die eingezogen sind, kommen aus einem großen Obdachlosencamp entlang der Hiawatha Avenue, in der Nähe des Epizentrums der Zerstörung bei der Third Precinct Police Station.
Die Anzahl der Menschen, die im Freien leben, ist in den vergangenen Monaten angestiegen, da das Coronavirus alle anderen Zufluchtsorte bedroht hat. Öffentliche Plätze und das öffentliche Verkehrssystem haben den Betrieb eingestellt. Familien und Freund*innen wollten niemanden mehr auf dem Sofa schlafen lassen. Obdachlosenunterkünfte, die gegen die Ausbreitung des Virus machtlos waren, haben versucht, ihren Aufnahmekapazitäten zu verringern, gleichzeitig hatten viele Angst davor, in überfüllten Räumen zu schlafen.
Mit dem Anwachsen der Camps wuchs auch die Gefahr eines Ausbruchs des Coronavirus oder anderer ansteckender Krankheiten, wobei diese Gefahr durch fehlende Sanitärcontainer mit Toiletten, Waschbecken und Duschen noch verschärft wurde.

Avivo, eine NGO aus Minneapolis, beschaffte am Freitag Hotelzimmer für Dutzende Bewohner*innen des Camps, zusätzlich zu der beispiellosen Anstrengung des County Hennepin [die Verwaltungseinheit, in der Minneapolis liegt; Anm. d. Red.], hunderte wohnungslose Menschen in Hotels einzuquartieren.

Gouverneur Tim Walz hatte anfangs im Einklang mit den Empfehlungen des Center for Diesease Control and Prevention die Räumung der Camps während der Pandemie ausgeschlossen. Später nahm er diese Anordnung zurück, was es dem Metropolitan Council als Eigentümer des Grundstücks ermöglichte, das Camp aus Gesundheits- und Sicherheitsbedenken wegen der Aufstände zu räumen.

Ein junger Mann, der nur „Squad“ als Namen angibt, sagt, dass er nicht genug Zeit hatte, all seine Habseligkeiten zu packen, als Avivo ihm am Freitag anbot, in das Hotel zu ziehen.
„Wir mussten binnen weniger als zwölf Stunden umziehen und ich habe viele Sachen verloren, weil sie das Camp einfach geschlossen haben,“ sagt Squad. „Die Leute denken, es sei nichts weiter, weil es nur Zelte sind. Aber für mich ist das mein Zuhause.“


Fister ist sich sicher, dass sie das ehemalige Sheraton nun behalten können, obwohl sich noch herausstellen muss, ob das führungslose Modell des Kollektivbetriebs langfristig in dieser Größenordnung aufrecht erhalten werden kann.
Wenn sie es behalten können, dann Fister zufolge aufgrund des selben Mannes, der ihnen dazu verholfen hat: George Floyd.
„George Floyd hat uns Kraft gegeben,“ sagt Fister. „Und wir haben die Kraft, uns umeinander zu kümmern … Genau das tun wir gerade, indem wir Menschen Wohnraum beschaffen.“