Was heißt hier „Transformation“?! Von Corona in den Kommunismus – Versuchen wir es

In der Krise treten die Widersprüche der kapitalistischen Gesellschaft offener als sonst zu Tage – so auch gegenwärtig. Wir haben uns deshalb dazu entschlossen, die Diskussion über Alternativen zum Kapitalismus und den Weg dorthin zu vertiefen. Vor zwei Wochen veröffentlichten wir unseren ersten Beitrag. Hier folgt nun der zweite, der uns vor ein paar Wochen von Almut zugesendet wurde. Die Autorin betreibt den Blog linkslebenmitkindern.org. Wir bedanken uns an dieser Stelle für den Text. Almut plädiert dafür, dass genau jetzt der Zeitpunkt ist, über Möglichkeiten und Wege einer Transformation nachzudenken und diese zu konkretisieren. In zwei Wochen geht es dann weiter mit einer Replik auf Almuts Text von unserer Seite.

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Viele Linke haben nicht erst seit Corona keine Hoffnung mehr in die etablierten linken Akteur*innen, viele hatten sie noch nie. Auch ich habe eine grundsätzliche Kritik an Parteien und bin sensibilisiert für unschöne Anpassungsprozesse, die linksradikale Menschen durchlaufen, sobald sie in bezahltem Bewegungsmanagement und finanziertem Intellektualismus landen (wenn sie z. B. Jobs in NGOs, der LINKEN und Stiftungen haben oder es sich mit geglücktem Stipendium in der Unikarriere einrichten). Und trotzdem bin ich seit Beginn der Corona-Pandemie enttäuscht bis schockiert über die Ideenlosigkeit und Zögerlichkeit in diesen Kreisen, die April-Ausgabe der Analyse & Kritik tat ihr übriges. Auch wenn das Wort „Transformation“ gern in den Mund genommen wird, verlieren sich die dann anschließenden Ausführungen meist in einem realpolitischen Klein-Klein – wo doch in einer Krise diesen Ausmaßes allermindestens große, transformative Realpolitik angesagt wäre.

In der Stunde der Krise, so könnte man hoffen, schlägt auch die Stunde der Leute, die seit jeher eine Gesellschaftskritik haben und nun etwas Wichtiges zu sagen hätten; die nur darauf gewartet hätten, ihre auf zahlreichen Konferenzen genährten Ideensammlungen der letzten Jahre nun hervorsprudeln zu lassen und in eine Diskussion zur gesellschaftlichen Umgestaltung einzubringen. Allein, die Debattenbeiträge vieler linker Akteure offenbaren vor allem eins: Auf die politischen Feinde schauen und reagieren ist ein Feld, in dem viel Expertise besteht – Was machen die Rechten und was müssen wir dagegen tun? Was macht die etablierte Politik und was müssen wir dagegen tun? Wenn es aber darum geht, die eigene Vision zu formulieren, wird es dünn: Im Neuen Deutschland schreibt ein linker, institutionell verankerter Autor: „Das Virus macht denkbar, was unmöglich schien. Die Chance muss ergriffen werden.“

Und dann kommt: wirklich nicht viel, zumindest nichts, was nicht auch in der angepasstesten Gewerkschaft schon immer denkbar war (mehr Solidarität, mehr Verstaatlichung, ein bisschen Umverteilung). Auf Luxemburg Online schreibt ein namhafter Prof: „Helfen würde ein Infrastrukturkommunismus“ und fordert, „in der Krise die Weichen (zu) stellen“. Und dann kommt: nichts. Es könnte einem so vorkommen, als wäre vielen entfallen, worum es in ihrer post-kapitalistischen Gesellschaftsutopie eigentlich nochmal ging: Wohin soll denn die derzeit viel erwähnte Transformation gehen? Wenn Transformation mehr bedeuten soll als ein bisschen Umverteilung und Klassenkampf, dann wäre es toll, wenn wir uns für die kommende Zeit ein paar konkretere Pläne machen würden.

Die ungeheure Chance der jetzigen Krise besteht im Timing: Weltweit stehen alle vor demselben Problem – einer Pandemie, die eine massive Wirtschaftskrise nach sich ziehen wird, wahrscheinlich samt Inflation und Jobverlusten. Ein solches Timing würde sich vielleicht nur noch einmal unter viel ungünstigeren Vorzeichen ergeben, im Zuge eines Weltkrieges etwa. Dann doch lieber jetzt!

Wenn der Bruch vor der Tür steht oder zumindest die Chance auf Transformation an die Tür klopft (derzeit hämmert’s!), dann wäre ein politisches Schreiben, Denken und Handeln angesagt, das beispielsweise eher die Auflösung der Lohnverhältnisse anvisiert statt lediglich die Erhöhung der Löhne, Anerkennung und bessere Arbeitsbedingungen; eines, das nicht ein bisschen mehr Klimaschutz vorschlägt, sondern direkt die Abwicklung destruktiver Industrien; eines, das neue Beziehungsweisen in den Mittelpunkt rückt, durch die ein krankmachender Individualismus einer neuen Gemeinschaftlichkeit weicht, und zwar nachhaltig.1 Solidarität ist ja gerade in aller Munde. Solidarität ist nichts Ungewöhnliches in den Anfangsphasen von Krisen – in den folgenden Krisenphasen sieht das schon wieder anders aus, wenn die Menschen unter den vorherigen Bedingungen wieder in knallharte Konkurrenz und Vereinzelung zueinander gesetzt werden. Und es wird nicht lange dauern, bis „Solidarität“ in eine „Solidarität in der Opferbereitschaft“ in der kommenden Wirtschaftskrise umgedeutet werden wird, wie Anfang April im Deutschlandfunk zu hören war.

Die gesellschaftliche Transformation wird uns nicht geschenkt werden, nicht von der Eigendynamik der kommenden Krise, nicht von der Bundesregierung und auch nicht von change.org. Für diese Chance auf Transformation, die sich der Linken in den nächsten Monaten und Jahren bietet, braucht es jede*n einzelne*n von uns: Nicht, um für Lohnerhöhungen und Verstaatlichung zu werben – das erledigen gerade viele Beschäftigte und vielleicht auch endlich mal wieder die Gewerkschaften. Diese Reformforderungen werden längst in weiten Teilen der Gesellschaft – wahrhaftig – beklatscht. Die Rolle der – teils sogar dafür bezahlten – linken Hausphilosophen von Stiftungen, Parteien und NGOs ist jetzt vielmehr, linke Utopien sag- und denkbar zu machen, sie hartnäckig in Umlauf zu bringen, nicht mehr hinterm Berg zu halten, weil man etwa befürchtet, dass die eigene Utopie für zu radikal oder lächerlich gehalten wird. Aufwachen: Die Zeit der Selbstzensur darf vorbei sein.

Das, was nun handzahm in der Presse und von den A- und B-Prominenten der linken Intelligenz gefordert wird – bedingungsloses Grundeinkommen, Lohnerhöhungen etc. – ist alles ganz gut. Aber das kann’s nicht gewesen sein. Wir sollten nun nicht weniger propagieren als die kostenlose Versorgung mit Nahrungsmitteln, Wohnraum, Mobilität und eine radikale Arbeitszeitverkürzung auf 20 Stunden in der Woche. Das wären überhaupt die Grundvoraussetzungen, um dann in den kommenden Monaten, wenn die Produktion wieder hochgefahren wird, und in den kommenden Jahren, in denen uns eine massive Wirtschaftskrise überrollen wird, Stück für Stück die transformativen Schritte zu gehen.

Was steht jetzt also an, wofür sollten wir uns den Mund fusselig reden, die Finger wund schreiben und wofür unsere Köpfe und Herzen öffnen, die sich doch nach der neuen Gesellschaft sehnen?

1. Das Geld geht krachen – und dann?

Vielleicht berappelt sich die Kapitalakkumulation wieder und es wird alles nicht so schlimm. Aber zumindest sollten wird darauf vorbereitet sein, dass das Geld krachen geht. Durch die neue Verschuldung wächst das Kreditvolumen ins Absurde; die Inflation macht jedes bedingungslose Grundeinkommen sinnlos; das Geld wird vollkommen obsolet. Das ist gut. Dann ist es aber Zeit, sich zu sortieren, um zu wissen, wie es ohne Geld gehen wird. Vergegenwärtigen wir uns: Geld ist kein praktisches Tausch- oder Verteilungsmittel, sondern nichts anderes als eine kapitalismusspezifische Beziehungsform von Menschen, die gezwungen sind, getrennt, bewusstlos und in Konkurrenz zueinander zu produzieren, während sie gleichzeitig unbedingt aufeinander angewiesen sind (Marx). Anstelle der Menschen bestimmt das Geld (das ja die dingliche Erscheinungsform von Kapital ist), was, wie und warum produziert wird – mit nur einem Ziel: aus Geld noch mehr Geld zu machen. Wie werden die grundlegenden Versorgungsgüter aber verteilt, ohne dass es zu Chaos kommt, wenn die bisherige Vermittlungsgewalt Geld entfällt? Supermarktplünderungen klingen romantisch, sind aber kein Rezept für eine Transformation, denn die Vorräte der Lebensmittelversorgung, die im urbanen Raum gelagert sind, reichen für ca. drei Tage.2 Arbeitszeitkonten als alternatives Modell zur Leistungserfassung, als Geld-Alternative also, sind auch keine gute Idee, weil das kapitalistische Prinzip der Leistungsbewertung hier nur eine andere Form annimmt. Das Problem beginnt bereits dort, wo Arbeitszeit oder Tätigkeiten miteinander verglichen und bewertet werden.3 Jede Tätigkeit ist in Wahrheit einzigartig.

Um Lebensmittel kostenlos bereitzustellen, braucht es Verständigungsprozesse mit Bäuer*innen; um unseren Spruch „Wohnen darf keine Ware sein“ wahr zu machen, braucht es den Bruch mit der Eigentumslogik, und dafür braucht es Verständigungsprozesse mit Eigentümer*innen. Es ist anzunehmen, dass die ihr Eigentum nicht kampflos dem Kommunismus spenden werden. Selbstverständlich werden wir mit Gewalt konfrontiert sein. Trotzdem müssen wir uns nach Kräften darum bemühen, dass dieser Prozess anders als ein Bürgerkrieg aussieht. Er muss sogar, so weit es geht, konsensorientiert sein – die „Bonzen“ aus ihren Palästen zu schmeißen, um da selbst einzuziehen, ist auch so eine Revolutionsromantik, die für die große Transformation nicht recht tauglich ist. Unsere Aufgabe ist es, den Prozess so mitzugestalten, dass auch die Eigentümer*innen die Transformation mitgehen können, und zwar nicht unter der Androhung von Knast oder Gulag. Und für all das braucht es (ab jetzt!) eine starke nachbarschaftliche Organisierung, die es den Menschen auch gegen Polizeigewalt ermöglicht, in ihren Wohnungen zu bleiben. Ein Leben ohne Geld wird die gedanklich größte Herausforderung für alle Menschen, deshalb ist es so wichtig, dass wir das nun durchspielen, ausformulieren und vermitteln.

2. Von Bullshitjobs zu sinnvollen Tätigkeiten

Die Produktion muss umstrukturiert werden. Wir sehen, dass es geht! Wer hätte gedacht, dass Unternehmen ihre Produktionsstraßen innerhalb von Tagen, manche auch erst innerhalb von Monaten auf völlig andere Gebrauchsgüter umstellen können? Das ist auch deshalb so ermutigend, weil es die Idee aufwertet, dass es Sinn machen würde, wenn die Belegschaften vor Ort sich immer mal wieder im Abgleich mit gesellschaftlichen Notwendigkeiten und Bedarfsplanungen die Frage stellen: Was produzieren wir hier eigentlich und ist das gesellschaftlich überhaupt sinnvoll?

Es gibt beispielsweise keinen vernünftigen Grund dafür, dass mehrere Dutzend Autokonzerne hunderte unterschiedlicher Fahrzeugtypen herstellen. Manche Industriezweige können umgestellt, andere abgewickelt werden. Abwickeln bedeutet aber unter Umständen auch, dass viele Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren. Gut so! Für sie soll gesorgt sein, indem die lebensrelevanten Bedürfnisse gestillt werden und Existenzängste entfallen. Auch hier zeigt sich, wie wichtig es ist, die kostenlose Versorgung mit Wohnraum und Lebensmitteln zu erkämpfen. Dennoch werden Menschen vor schmerzhaften Prozessen stehen, wenn sie erkennen, dass ihre bisherige Tätigkeit in weiten Teilen nicht nur nicht systemrelevant im Sinne eines guten Lebens, sondern sogar destruktiv und unsinnig war. Sie werden ein neues Selbstwertgefühl entwickeln müssen, sich umqualifizieren und – mental – umlernen müssen. Wie schaffen wir es, die ungeheuer bedrohlichen Gefühle von Selbstentwertung aufzufangen und den Menschen die Schönheit der Transformation begreifbar zu machen? Das betrifft mitnichten nur den Werbefuzzi oder die Arbeiterin aus dem Rüstungskonzern, sondern auch viele Intellektuelle, die ihre Schreibtische und Konferenzsessel für andere Tätigkeiten hin und wieder werden verlassen müssen. Und das soll keine Drohung sein, sondern eine Verheißung: Der Studi darf endlich AUCH handwerklich tätig sein, weil er einen geregelten Zugang zu Produktionsmitteln haben wird, der Berliner Werbefuzzi wird austreibende Lindenbäume beschneiden dürfen, damit seine Kinder weiterhin sicher auf dem Fahrradweg düsen können. Es geht nicht um „Bonzen in die Produktion“ oder um ein raunendes „Die Schreibtischhengste werden schon erleben, was arbeiten bedeutet“, sondern darum, den Menschen zu ermöglichen, vielseitig tätig zu sein, nach ihren Fähigkeiten und nach ihren und den gesellschaftlichen Bedürfnissen. Wir werden viel füreinander da sein und uns darin üben müssen, über unsere Komfortzonen hinaus Menschen (inklusive uns Linke selbst) darin zu begleiten, eine neue Mentalität zu entwickeln, um in neue sinnstiftende Tätigkeiten hineinzufinden.

3. Care und Kooperation

In der individualistischen Konsumgesellschaft, die sich seit einem halben Jahrhundert gefestigt hat, sind wesentliche Bereiche menschlicher Bedürfnisbefriedigung in den sehr engen Rahmen von Kleinstfamilien oder Single-Haushalten eingehegt worden. Beispielsweise werden soziale Kontakte oder auch das Zubereiten und Einnehmen von Mahlzeiten nicht selten im Rahmen von Konsumhandeln (ersatz-)befriedigt anstatt durch gemeinschaftliche Rituale und Strukturen. Eine Organisierung vor Ort könnte stattdessen beinhalten, dass die Befriedigung solcher alltäglichen Bedürfnisse in einen gemeinschaftlichen Rahmen zurück überführt werden kann – natürlich auf freiwilliger Basis.

Dazu passt, dass Care schrittweise das neue Leitprinzip der gesellschaftlichen Reproduktionsweise wird. Aber Achtung: Nicht begrenzt auf den Bereich, der traditionell unter „Reproduktionsarbeit“ fällt, sondern indem die gesamtgesellschaftliche Produktion-plus-Reproduktion nach der Maßgabe der Vernunft und entlang einer Lebens– statt Systemrelevanz umgekrempelt wird. Produziert und konsumiert würde dann nur noch, was dem guten Leben dient – plus ein bisschen Luxus. Und auch das Wie ist entscheidend: Erstens würde auf eine Art „gearbeitet“, die die Menschen von dem Zwang erleichtert, auf eine bestimmte Tätigkeit festgelegt zu sein (immer Müllentsorgung, immer Kindergärtner*in, immer Hausmeister*in, immer Stahlindustrie). Am Ende dieser Transformation wird das abstrakte, auf einen Wert ausgerichtete „Arbeiten“ aufgehoben in die bloße Tatsache zahlreicher, unterschiedlicher Tätigkeiten, die unter bewusster, gemeinsamer, vernünftiger Planung zu bewältigen sind. Grundprinzip einer neuen Produktionsweise muss Kooperation statt Konkurrenz sein. Letztere ist ein wesentliches Charakteristikum des Kapitalismus: Dass die Menschen in Vereinzelung, auf sich gestellt, in Konkurrenz zueinander produzieren und konsumieren, anstatt bewusst miteinander und nach Maßgabe der Vernunft, d. h. des guten Lebens. Die Corona-Krise hat die Absurdität einer auf Konkurrenz basierenden Wirtschaft auf krasse Weise offenbart, in der sich Staaten um medizinische Güter balgen und unterschiedliche Pharmakonzerne und Labore isoliert voneinander an Impfstoffen forschen.

4. Neue Beziehungsweisen, von unten nach oben

Die kommende Transformation wird nur zu einem kleinen Teil eine technische Frage von Machbarkeit, Organisation und Logistik sein. Der große Brocken besteht darin, dass alle Menschen, die sich der Transformation nicht versperren oder sich raushalten wollen, eine Möglichkeit finden, gemeinsam die Schritte in eine neue Gesellschaft zu gehen. Das bedeutet im Wesentlichen, dass wir miteinander in Kontakt stehen müssen: Das wunderbare Motto der Geflüchtetensolidarität „Leave no one behind“ wird dann auch wieder eine ganz lokale Bedeutung bekommen. Das Verhältnis der Menschen könnte eines sein, das nicht isolierte Zellen (Kleinfamilien und Individuen) zueinander in Beziehung setzt. Den heiligen Individualismus anzutasten wird übrigens auch gerade in linken Kreisen eine harte Nuss sein.4 Hier wie in der Mainstreamgesellschaft sind Individuum und Gemeinschaft ein Gegensatz. Schön wäre, wenn wir Beziehungsformen entstehen lassen, die eine Synthese daraus zu machen vermögen.

„Schritte in eine neue Gesellschaft zu gehen“ bedeutet außerdem wesentlich, dass wir eine neue Logik des Politischen ausbauen und festigen. Die gemeinhin von Linken artikulierten Forderungen in der Presse folgen einer politischen Logik des Bittens („politics of demand“) gegenüber dem Staat: Er möge bitte mehr Geld in die Hand nehmen, es anders verteilen, besser investieren etc. Das soll er meinetwegen alles tun, aber eine Transformation hin zu einem post-kapitalistischen System wird das nicht bringen. Dafür ist es unabdingbar, dass eine neue Logik des Politischen entsteht und gefestigt wird, nämlich die Logik des Handelns: Wir handeln selbst, statt auf die Politik zu hoffen; wir übernehmen Verantwortung, statt sie an Repräsentanten abzugeben; wir handeln, ohne auf Erlaubnis von oben zu warten – selbst, bewusst, gemeinsam.5

Auch hier wird die nachbarschaftliche Vernetzung uns weiterbringen: als Lernfeld, in dem neue Beziehungsweisen eingeübt werden, sowie als Ort der alltäglichen Reproduktion unseres Lebens. Wir können damit jetzt alle beginnen, um nach Möglichkeiten zu suchen, das Wort „Solidarität“ auch in den kommenden Jahren mit Inhalt zu füllen. Lokale Vernetzungen, die zunächst lose und vornehmlich digital aufgebaut werden, könnten sich dann als verbindliche (nicht-digitale) Räte-Strukturen festigen, in denen Menschen sich nicht nur organisieren, sondern auch neue Beziehungsweisen erlernen: Vereinzelung und Individualismus weichen Vertrauen, Kooperation und Verbundenheit. Dies ist eine Perspektive, die die Fragmentierung des Lebens in lebensnotwendige Tätigkeiten einerseits und politische Tätigkeiten andererseits überwindet. Das Verhältnis der Menschen zu „Politik“ als das Abgeben von Verantwortung an Repräsentanten – so funktioniert Politik in der liberalen Demokratie – wird so transformiert in ein gemeinsames Beratschlagen und Organisieren der gesellschaftlichen Belange.

5. Produktion ohne Eigentümer: Die Stunde der Beschäftigten

Diese Art der Transformation muss sich auch in den Bereich der Produktion erstrecken: Sowohl die linke Theorietradition (Rätekommunismus, anarchistische Räte-Konzeptionen) als auch die derzeit gelebten Alternativen, zum Beispiel in Rojava und Chiapas, und die zahlreichen historischen Beispiele von der Pariser Commune bis zum (nicht-kurdischen) Syrien 2011 bis 2013 können uns inspirieren.6

Es geht maßgeblich auch darum, wie die Beschäftigten die Produktion umgestalten können, also um das Wie des Produzierens und Arbeitens. Sie werden sich gemeinsam darüber verständigen müssen, wie sie Monotonie, Entmündigung und jahrelange Festlegung auf einzelne Tätigkeiten überwinden können, wie sie entschleunigen und ihre Gesundheit besser schützen können. Denn jeder Mensch hat nur dieses eine Leben. YOLO. Die Tätigkeit würde nicht mehr nur als Mittel zur Lebenserhaltung vollzogen werden, sondern könnte in großen Teilen der Verwirklichung eines schöpferischen Lebens selbst dienen. Es werden die Belegschaften vor Ort sein, die sich immer wieder im Abgleich mit gesellschaftlichen Notwendigkeiten und Bedarfsplanungen die Frage stellen: Was produzieren wir hier eigentlich? Sollten wir vielleicht umstellen? Welchen Bedarf gibt es? Anstatt es dem Markt, dem Management oder einer staatlichen Lenkung zu überlassen. Keine Illusionen: Die Produktion auf diese Art umzukrempeln, ist eine immense Herausforderung. Es ist nicht weniger als eine große Transformation. Eine Transformation eben, die – anders als ein paar Lohnerhöhungen und Reformen – diesen Namen verdient.

Mai 2020

1 Zur Frage von Revolution und Beziehungsweisen: Bini Adamczak (2017): Beziehungsweise Revolution. Aber auch viele anarchistische Autor*innen, z. B. Errico Malatesta oder Gustav Landauer.

2 Zur Frage, wie lange sich die Gesellschaft in einem Moment des Umsturzes versorgen könnte, gibt der Text Aufstand und Produktion von den Angry Workers of the World Aufschluss.

3 Eine kritische Auseinandersetzung mit der Arbeitszeitrechnung bietet der Text „Umrisse der Weltcommune“ von den Freundinnen und Freunden der klassenlosen Gesellschaft.

4 Zum Thema Individualismus und Gemeinschaft: Almut Birken & Nicola Eschen (2020): Links leben mit Kindern.

5 Zu Politics of demand versus Politics of the act: Richard J. F. Day (2005): Gramsci is dead.

6 Zur Rätebewegung im nicht-kurdischen Syrien: Omar Aziz (2011/2012): The formation of local councils. https://borderedbysilence.noblogs.org/the-formation-of-local-councils-by-omar-aziz/

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