Die Grundschule in Zeiten sozialer Isolation – Gedanken zum Spagat zwischen leeren und vollen Klassenzimmern

Nach der weitgehenden Schließung der Schulen und Kitas Mitte März entbrannte schon bald ein erbittert geführter Streit um die Frage der schrittweisen Wiederöffnung der Schulen. Sollte man aufgrund des Ansteckungsrisikos weiter auf Home-Schooling setzen oder war die Schließung der Schulen insbesondere für Familien nicht mehr länger tragbar? Viele meldeten sich bei dieser Diskussion zu Wort, wenigen ging es jedoch um die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen und die Bedeutung von Schule als einem Ort der zwischenmenschlichen Beziehungen und der umfassenden Bildung.

Der folgende Beitrag wurde von drei Grundschulpädagog*innen verfasst, die sich im Zuge der Corona-Pandemie gemeinsam mit weiteren Pädagog*innen vernetzt haben, um sich darüber auszutauschen, wie gute Bildung unter den gegenwärtigen Bedingungen gewährleistet werden kann und was es dafür bräuchte. Er zeigt eindrücklich, welche Bedeutung der Schule als sozialem Ort zukommt und wie schwierig es sich gestaltet, unter den gegenwärtigen Bedingungen diesen Ort für Schüler*innen sicherzustellen. Sie sind bei der kurzfristigen Umsetzung von strengen Hygienevorschriften auf sich alleine gestellt und sehen ihre vielschichtige Arbeit durch die Vorgaben für den Notunterricht auf die Wissensvermittlung reduziert. Dabei gäbe es gerade jetzt viele Ansätze und Ideen, was Bildung abseits von Disziplinierung und Leistungserbringung noch alles sein könnte.

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Seit über zwei Monaten hat für Grundschüler*innen in Deutschland kein regulärer Unterricht mehr stattgefunden. Dann begann schrittweise wieder der Unterricht für die Viertklässler*innen – aufgeteilt in Kleingruppen, an manchen Schulen eingeteilt in eine Früh- und eine Spätgruppe, an anderen parallel, aufgeteilt auf das gesamte Kollegium.

Nun werden in Sachsen ab dem 18. Mai 2020 alle Grundschulklassen wieder komplett beschult. Strategiewechsel: Statt Kleingruppen nun strikte Gruppentrennung – in Klassen mit bis zu 28 Kindern. Die große Leipziger Kurt-Masur-Grundschule hat bereits einen Hilferuf gesendet. Die Kolleginnen und Kollegen wissen nicht, wie sie die Kinder und sich selbst angemessen schützen sollen.

Mit der Umsetzung der strengen Hygienevorschriften sind die Schulen vollkommen auf sich allein gestellt – alles hängt vom Engagement vor Ort ab. Zudem war in Sachsen gerade einmal eine Woche Zeit für eine komplett neue Planung, nachdem die Schulen individuell gerade einmal die Maßnahmen zur Schulöffnung für die vierten Klassen eingeführt hatten, die sie zuvor ebenfalls binnen weniger Tage erarbeiten mussten. Jetzt, nur eineinhalb Wochen später, sind diese Umsetzungen wieder hinfällig. Ein Hin und Her, das nicht nur für die Schulleitungen und Lehrer*innen ein absurdes und schwer zu begreifendes Szenario erzeugt, sondern auch den Kindern nur schwer verständlich zu machen ist.

Hinzu kommt, dass viele Lehrer*innen häufig selbst zur sogenannten Risikogruppe gehören – das liegt schlicht an der Altersstruktur der Kollegien. In Sachsen waren im Schuljahr 2018/2019 57% der Lehrkräfte über 50 Jahre alt. Darauf soll in Sachsen und auch in NRW aber keine Rücksicht mehr genommen und stattdessen die Einzelfälle betrachtet werden. Wie ließe sich eine komplette Öffnung für die Grundschulen in Zeiten des Lehrermangels auch anders bewerkstelligen? Pragmatismus und Zynismus sind gerade Nachbarn.

Schon am Modus der ersten Schulöffnungen gibt es also vieles zu kritisieren. Bundesweit wird es für die meisten Grundschulkinder immer noch einige Zeit dauern, bis sie wieder regelmäßig eine Schule von innen sehen und das ist nach wie vor eine erhebliche Belastung. Die Krise macht vieles sichtbarer und so wird auch hier überdeutlich, worin der Wert unseres Schulsystems neben der grundlegenden Allgemeinbildung eigentlich besteht. Es wird deutlich, welche Funktion als Sozialisationsraum die Schule für Kinder und Jugendliche erfüllt. Viel ist in diesen Tagen darüber zu lesen, dass die Schere zwischen Bildungsgewinnern und -verlierern immer weiter auseinandergehen wird. Dies trifft ohne Zweifel zu, doch wird hier in der öffentlichen Debatte die Arbeit und Aufgabe von (Grund-)Schulen zumeist auf eine Komponente reduziert: die Wissensvermittlung. Wirtschaftsnahe Politiker*innen und Verbände machen sich laut Gedanken, in welcher Qualität und Quantität ihnen zukünftig junge Leute auf dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen werden. Schulen haben aber weit mehr als diese eine Aufgabe und die Grundschulen haben in diesem Zusammenhang noch eine ganz besondere Funktion: Sie sind nicht nur ein Ort der Bildung, sondern auch der Erziehung, der sozialen wie ästhetischen (sinnliche Erfahrungen). Die bildungspolitische Verengung auf die allgegenwärtige Leistungsorientierung hat diese Funktion schon länger aus dem Blick geraten lassen.

In der Krise zeigt sich nun, dass wesentliche Ziele und Anliegen der (Grund-)Schule tatsächlich von der Verwaltung als nicht nützlich und daher verzichtbar angesehen werden, sie sind nicht deutlich sichtbar und auch nicht abrechenbar. Der Notunterricht an den Schulen soll auf die Hauptfächer beschränkt sein – in der Grundschule also Deutsch, Mathe und Sachunterricht, für die 4. Klassen auch Englisch. Gemeinsam Geschichten lesen, sich in eine andere Welt träumen und das Identifizieren mit eigenen Held*innen im Kinderbuch? Im Moment nicht vorgesehen. Frühlingsbilder zeichnen oder die Krise in einem Comic verarbeiten? Wozu? Sport, Musik, Religion, Ethik? Alles gerade nicht wichtig. Dabei verarbeiten Erwachsene die Krise auf allen der Menschheit zur Verfügung stehenden Wegen: durch humorvolle Homevideos, durch das Schreiben von Tagebüchern, den Austausch in sozialen Netzwerken, durch Songs, Serien und Theater. Was schließen wir daraus: Kinder sollen in der Krise weiter das kleine Einmaleins pauken, damit sie vordergründig kompetent sind für eine Welt von morgen, von der wir gerade noch weniger als sonst wissen, wie sie aussehen wird und was es in ihr zu können gilt.

Es bleibt im Moment dem Engagement der einzelnen Lehrkraft überlassen, inwieweit Bildung und Erziehung dennoch im Klassenzimmer eine Rolle spielen. Es kursieren im #TwitterLehrerzimmer wundervolle Ideen von Lehrkräften, die sich als digitale Pioniere verstehen. Aber im Großen und Ganzen scheint Schule wie sonst auch hinterherzuhinken. Das war noch nie schön, gerade im Moment wirkt sie aber wie aus der Zeit gefallen.

Was Schule vor Ort jetzt ganz wesentlich bräuchte ist sozialer Austausch. Bildung bedeutet Selbstbildung und damit auch individuelle Selbstaneignung – unbestritten, aber dieser Prozess muss sozial eingebettet sein und braucht das Gegenüber. Gesellschaftlich besonders relevant: Das gemeinsame Leben (und Lernen) in einer Gruppe wird in der Schule erlebt und erprobt. Erste intensive Erfahrungen von Freundschaft und (nicht-elterlicher) Zuneigung werden gemacht. Regeln werden (gemeinsam) aufgestellt, verhandelt und oft gebrochen. Regelverstöße werden besprochen. Man streitet und verträgt sich. All das sind Erfahrungen, die für unser gesellschaftliches Zusammenleben sehr wichtig sind. Eine der Hauptaufgaben von Schule besteht darin, einen solchen Raum zu bieten, die Kinder bei ihren Erfahrungen zu begleiten und ihnen dabei zur Seite zu stehen.

Wer jetzt laut aufschreit, dass das nur so ist, weil in den Familien „heutzutage“ zu wenig Erziehungsarbeit geleistet wird, der irrt. In der Familie werden die ersten, wichtigen, unersetzlichen Erfahrungen gemacht, aber größere Kinder brauchen einen größeren Bezugsrahmen, Referenzen, Partnerschaften und Beziehungen außerhalb der Familie, die die Familie nicht bieten kann. Sozialer Austausch fehlt jetzt gerade für Kinder in einem so eklatanten Maß, dass es wie emotionale Mangelernährung anmutet. Freundschaften können nicht mehr geknüpft oder gepflegt werden, Erlebnisse, wie das Spielen und Herumrennen mit Gleichaltrigen, bei dem psychologisch betrachtet Druck, Frustration und Ängste abgebaut werden können, finden nicht mehr oder nur sehr begrenzt statt. Die neue „Notschule“ mit abgetrennten Gängen und Hofpausen (sofern dies die Gegebenheiten vor Ort überhaupt zulassen) im Schichtbetrieb wird diesen Raum nicht bieten können.

Über die Situation in den Familien ist schon viel geschrieben worden. Insgesamt gibt es in den Familien im Moment eine noch viel größere Mehrfachbelastung als sonst schon und damit für die Kinder ein erhebliches Konfliktfeld – verbale Streits bis hin zu physischer Gewalt nehmen unter den aktuellen Bedingungen zu. Selbstverständlich leiden auch die Erwachsenen unter der sozialen Isolation dieser Tage, doch vor allem Kindern fehlt derzeit jeglicher Fluchtpunkt, Ausweg, Schutzraum. Das Sich-aus-dem-Weg-gehen ist allzu oft nicht zu realisieren. Wo sonst die Schule greifen muss, klafft derzeit eine Lücke.

Die erhöhten Anfragen bei Frauenhäusern, Jugendämtern und anderen Sozialträgern verdeutlichen diese Situation. Die gegenwärtige Lage trifft eben nicht alle gleich. Und Ungleichheit hat ganz verschiedene Gesichter und Risikopotenziale: Mangelnde Fürsorge, ökonomisch prekäre Verhältnisse, fehlender Zugang zu digitalen Schulmaterialien, fehlende Endgeräte oder Drucker. Allein schon unzureichende Internetqualität insbesondere im ländlichen Raum erschweren eine reibungslose Umstellung auf die momentan idealisierte und nur sehr bedingt realisierbare Turbo-Digitalisierung. In diesem Punkt kulminieren jahrelange Versäumnisse. Vieles bleibt Wunschdenken und lässt die Beteiligten ratlos, wenn nicht gar frustriert zurück. Auf der Seite der Lehrer*innen gibt es nicht nur die digitalen Pioniere sondern auch solche, die Woche für Woche im wahrsten Wortsinne kleine und auch individuelle Aufgaben-Päckchen schnüren, diese mit netten Zeilen in Briefform versehen und persönlich in die Briefkästen der Familien stecken. Rückmeldung erfolgt dann ebenfalls auf dem Postweg, Mailverkehr ist je nach Voraussetzung fakultativ. So lernen die Kinder immerhin eine Art der Kommunikation kennen, die (allein aufgrund der handschriftlichen Grüße) sehr persönlich ist und weitgehend barrierefrei läuft. Die meisten Eltern wissen diesen Einsatz sehr zu schätzen, zumal die Lehrkräfte die unterschiedliche Belastung der Familien beachten, überwiegend Wiederholung und Übung anbieten, auch kreative Betätigung anregen und auf Erarbeitung neuen Stoffes größtenteils verzichten.

Dass unter diesen Umständen das viel diskutierte Home-Schooling nur ansatzweise den öffentlich postulierten Ansprüchen gerecht werden kann, liegt auf der Hand – wenngleich es in bemerkenswerter Weise die Situation abfedert. Für dauerhafte und tragfähige Lösungen fehlen jedoch schlicht politische und pädagogische Konzepte, die abseits vom geforderten Aktionismus Unterstützungssysteme im Blick haben.

Und damit befinden wir uns bei der Frage nach einem aktuell angemessenen Umgang im Bildungswesen. Die Schule stellt sich als so wichtig heraus, dass inzwischen genau abgewogen wird, in welchem Risiko-Verhältnis die Ansteckungsgefahr mit Corona gegenüber den Gesundheitsrisiken durch die Isolation zueinander stehen. Zweifellos werden gerade jetzt Aushandlungsprozesse bedeutsam, um die Erfahrungen aus dieser Krisenzeit zusammenzuführen und auf demokratischem Weg Veränderungsspielräume auszuloten. Auf keinen Fall darf es (wieder) dazu kommen, dass ausschließlich der Staat bzw. die Kultusbehörde unter alleiniger Reklamation von Expertise definiert, was gut für Bildungs- und Erziehungsprozesse ist – schon gar nicht wider besseres Wissen.

Hier gilt es besonders wachsam zu sein. Die momentane eilfertige Delegation von Verantwortung an die Schulen kann zur Genüge als Argument dienen für eine Abkehr von obrigkeitsstaatlichem Denken gerade im institutionellen Bereich. Das Problem daran ist: Innovationen in der Schule bleiben meistens dezentral und es gibt kaum Plattformen und Vernetzungen, auf denen die Basis, gemeint sind Lehrkräfte und Schulleitungen, überregional in den Austausch miteinander gelangen könnte. Gerade dieser Basis kann man zutrauen, Schule als sozialen Raum gestalten zu wollen. Es gibt Schulleitungen, die mit dem eingeräumten Spielraum auch im Moment sehr verantwortungsvoll umgehen und zuerst die Kinder in die Notbetreuung geholt haben, denen es an sozialem Raum vielleicht am meisten mangelt. Dieser überregionale Austausch an der Basis könnte – ironischerweise – im digitalen Raum am besten gelingen und er muss sich beeilen, bevor die neuen Vorgaben wieder von den Kultusministerien in Stein gemeißelt werden und dann auf Jahre unverrückbar sind. Einen sehr begrüßenswerten Vorstoß in dieser Sache machten in den letzten Tagen Erziehungswissenschaftler*innen, Psycholog*innen und Lehrer*innen aus verschiedenen Bundesländern in einer gemeinsamen Petition.

Was sich vielleicht gerade bei vielen Eltern bewährt, könnte auch für die schulischen Pädagog*innen ein Rettungsring aus dem ganzen Schlamassel sein: Gefühle offen legen. Kinder sind meisterhaft darin, die Stimmungen ihrer Eltern zu erspüren und sie reagieren darauf, im Guten wie im Schlechten. Wahrscheinlich handelt es sich um weltraumteleskopstarke Antennen. Indem Eltern ihren Kindern gerade sagen müssen, wie es ihnen den ganzen Tag über so geht (denn anders ließe sich der Wahnsinn gar nicht aushalten und der Alltag nicht aufrechterhalten) machen sie ihnen vielleicht ein Geschenk. Sie reden über die Gefühle, die sie haben: Angst, Wut, Verzweiflung, Ratlosigkeit, Ungeduld, Langweile, vielleicht auch Glück, Gelassenheit und kleine Freuden. Auch die Eltern, die das vorher nicht gemacht haben. Vielleicht ließe sich diese Beobachtung aus dem eigenen Alltag auch auf die Schule übertragen. Lehrer*innen können bei ihren Schüler*innen gerade dadurch viel Vertrauen gewinnen, dass sie offenbaren, was diese Krise mit ihnen und ihrer Arbeit macht. Der Brief von der Kurt-Masur-Schule zeigt, dass genau dieser Versuch in den letzten Wochen unternommen wurde. Vor Corona verlief Schule in eingeschliffenen Bahnen – nun steht gerade alles in Frage. Dass Lehrkräfte hauptsächlich Beziehungsarbeit leisten, vor allem in der Grundschule, dass ohne Beziehung weder Erziehung noch Bildung möglich sind, dass also gewissermaßen Beziehung am Anfang von allem steht, tritt gerade so offenkundig zutage wie nie zuvor.

Eine Forderung an alle Protagonisten wäre also, die Spielräume zu nutzen, zu weiten, zu bespielen, mit Gesprächen, Bildern, Texten über die Krise, statt zum „business as usual“ überzugehen, wie sich das einige Politiker*innen, Wirtschaftsliberale und andere Weiter-wie-bisher-Verfechter:innen wünschen würden. Die Krise stellt in allen Bereichen grundsätzliche Bestimmungsfragen an uns Menschen: Was ist uns Pflege wert? Wie wollen wir konsumieren und wie werden wir in Zukunft Verantwortung für die bislang unsichtbar gebliebenen globalen Produktionsketten übernehmen? Wie werden wir nach der Pandemie auf die Klimakrise schauen? Alternative Modelle liegen schon lange auf dem Tisch, aber die eingerosteten Strukturen ließen ihnen keinen Raum. Auch für Schule und Bildung muss das Rad nicht neu erfunden werden. Mit allen hier vorgestellten Ansätzen haben sich Bildungsdebatten bereits in der Vergangenheit tiefgründig auseinandergesetzt. All diese Sätze, von der Welt, die nach der Krise eine andere sein wird, muten pathetisch an. Für die Schule würden wir uns wünschen, dass es so kommt.

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