Pandemie, allgemeine Warenproduktion und Kommunismus

Bisher haben wir auf dem Blog vor allem über gegenwärtige Klassenauseinandersetzungen, feministische Kämpfe und solidarische Initiativen berichtet – und wollen das auch weiterhin tun. Zumal wir davon ausgehen, dass die sozialen Verheerungen in den kommenden Monaten noch zunehmen werden. Nicht nur werden die unzähligen Milliarden, mit der sich die Staaten gerade verschulden, um die kapitalistische Ökonomie vor dem Kollaps zu retten, sehr bald zu drastischen sozialen Kürzungen und Sparmaßnahmen führen. Zudem rechnen wir trotz dieser Rettungspakete mit Einbrüchen von Lieferketten, Unternehmenspleiten, Entlassungen etc. Es wird sich zeigen, ob sich in der nächsten Zeit Möglichkeiten auftun, in denen wir uns als Lohnabhängige schlagkräftiger als bisher zusammenschließen und für unsere Interessen kämpfen können.

Auch wenn Staatskritik in Deutschland allgemein gerade nicht hoch im Kurs steht und statt Revolte gegen das Kapital eher die Hoffnung verbreitet ist, dass schon bald alle Räder wieder wie gewohnt weiterlaufen, halten wir es für einen guten Zeitpunkt, eine Debatte über Alternativen zu der kapitalistischen Produktionsweise anzustoßen. Denn die Folgen der Pandemie lassen die Widersprüche der Klassengesellschaft deutlicher hervortreten. Zwar würde auch eine kommunistische Gesellschaft mit den Gefahren einer Pandemie umgehen müssen, allerdings nicht weiter unter dem ökonomischen Zwang, Kapital akkumulieren und Profit abwerfen zu müssen.

Denn schon jetzt, lange bevor das Corona-Virus eingedämmt oder ein Impfstoff überhaupt in Sicht ist, treibt Millionen Menschen die Angst um, dass nach der Pandemie das eigene Leben aufgrund von Verarmung, Arbeitslosigkeit und Verschuldung noch beschissener sein wird als zuvor. Auf Effizienz ausgerichtete Gesundheitssysteme sind genauso eine Erscheinung des Irrsinns kapitalistischer Normalität, wie auch die Tatsache, dass nun tagtäglich Millionen verpulvert werden müssen, nur weil Airlines nicht abheben können oder Autos nicht gebaut werden, weil die Bänder stillstehen.

Kurzum: es gibt viele Gründe, warum es gerade jetzt Sinn ergibt, über einen revolutionären Umsturz der kapitalistischen Warenwirtschaft nachzudenken und wie eine kommunistische Gesellschaft und Produktionsweise in ihren Grundzügen aussehen könnte. Zwei Texte, die wir in dieser Debatte für sehr fruchtbar halten, möchten wir an dieser Stelle nochmals empfehlen: zum Einen die Umrisse der Weltcommune von den Freundinnen und Freunden der klassenlosen Gesellschaft sowie Aufstand und Produktion von den Angry Workers of the World.

Die Debatte hier auf dem Blog beginnen wir im Folgenden mit einem Text von Robert Schlosser über die Pandemie, kapitalistische Warenproduktion und Kommunismus. An dieser Stelle möchten wir auch dazu aufrufen, sich mit eigenen Texte, Repliken und Kritiken an der Diskussion zu beteiligen.

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Die jetzt sich entwickelnde schwere Krise der kapitalistischen Produktionsweise sollte Anlass nicht nur für Aktionsprogramme und krisentheoretische Diskussion sein, sondern auch zu einer Fortführung der Diskussion über Übergangsgesellschaft und Kommunismus.

Die Pandemie und die Reaktionen seitens der Staaten rücken eine ganze Reihe grundsätzlicher Mängel einer gesellschaftlichen Reproduktion ins Licht, die vom Kapital beherrscht wird. Eigentlich ein guter Anlass, um die Diskussion um kapitalistische und kommunistische gesellschaftliche Reproduktion zu vertiefen. Dazu vorerst nur einige grobe Stichpunkte.

1. Die letzte großen Weltwirtschaftskrise machte noch einmal schlagartig deutlich, welche Systemrelevanz der Kredit und die Banken haben. Das wurde auch ausgiebigst diskutiert. In der jetzt sich entfaltenden Krise der kapitalistischen Produktionsweise erscheinen ganz andere Sachen als „systemrelevant“, vor allem das Gesundheitswesen und die Arbeit der dort Beschäftigten. Aber auch Spargelstecher sind plötzlich „systemrelevant“. Auf einmal geht es auch und gerade um die stoffliche Seite der Reproduktion und wird hinterfragt, was „lebensnotwendig“ sei und was nicht. Als KommunistInnen sollten wir sowieso unterscheiden zwischen systemrelevanten und lebensnotwendigen Dingen. Systemrelevant ist alles, was die Verwertung von Wert betrifft. Das aber ist nicht lebensnotwendig. Im Kommunismus braucht es keinen Kredit und keine Banken. Gebraucht werden aber auch da Krankenhäuser und nötig sind die Arbeiten, die in ihnen verrichtet werden. Lebensnotwendig sind auch Erntearbeiten, wie etwa das Spargelstechen. Lebensnotwendig sind also nur Dinge, die an sich nichts mit Kapitalverwertung, dafür aber mit stofflicher Reproduktion der Menschheit zu tun haben.

2. Unabhängig davon, wie wir den jetzigen Auslöser der Krise im einzelnen bewerten: Die ökonomische Krise entfaltet sich und mit ihr die typischen sozialen Folgen. Das liefert mittlerweile jede Menge Schlagzeilen über drohende Pleiten, steigende Lohnarbeitslosigkeit etc. Eine Pandemie, die auf allgemeine Warenproduktion trifft (gleichgültig, ob die schon in der Krise steckt oder nicht), führt eben zu anderen Konsequenzen als eine Pandemie, die auf eine kommunistische Produktionsweise trifft. Jedenfalls ist davon auszugehen, dass auch eine kommunistische Gesellschaft nicht grundsätzlich vor einer durch Viren ausgelösten Pandemie geschützt wäre. Zur effektiven Bekämpfung einer solchen Pandemie wären auch in ihr Kontakteinschränkungen erforderlich, um der Ausbreitung des Virus Grenzen zu setzen – zumindest solange es keinen Impfstoff gäbe. In der Konsequenz würde das auch im Kommunismus zu Einschränkungen der Produktion und Versorgung führen, würden auch hier viele kulturelle Veranstaltungen nicht stattfinden können usw.

3. Unter der Herrschaft des Privateigentums, in allgemeiner Warenproduktion, entwickelt sich in Folge der verordneten Kontaktsperren ein Krisengeschehen, das der allgemeinen Überproduktionskrise gleicht (diese Überproduktionskrise kündigte sich im Übrigen ohnehin bereits an.) Pleiten und Arbeitslosigkeit sorgen dafür, dass sich für eine rasch wachsende Zahl von Menschen die soziale Lage dramatisch verschlechtert. Viele verlieren ihre Existenzgrundlage.

Selbst der bürgerliche Staat sieht sich genötigt, zwischen „lebensnotwendigen“ und nicht unbedingt lebensnotwendigen Bereichen der „Wirtschaft“ zu unterscheiden. Kontaktsperre darf etwa nicht die Versorgung mit Wasser, Lebensmitteln, Energie gefährden. Sie darf nicht das Gesundheitswesen stilllegen usw. Es wird aber schon im heutigen hochentwickelten Kapitalismus deutlich, dass die Autoproduktion ohne weiteres mehrere Wochen stillgelegt werden kann, ohne dass die Mobilität darunter leiden würde. Wenn der moderne Massentourismus per Flugzeug über längere Zeit unterbunden wird, betrifft das offenbar eine nicht lebensnotwendige Versorgung. (Wie viel Autoproduktion und Flugtourismus sich im Kommunismus noch halten würden, soll hier nicht weiter erörtert werden. Beides gilt hier zudem nur als Beispiel.) Das Problem besteht im Kapitalismus darin, dass bei Produktionsunterbrechung oder Einstellung der Dienstleistung die Pleite von Autoproduzenten oder Fluggesellschaften droht und mit ihr die Arbeitslosigkeit.

Was wäre anders, wenn eine Pandemie nicht auf allgemeine Warenproduktion, sondern auf kommunistische Verhältnisse träfe? Der Unterschied bestünde nicht darin, dass Produktion eingeschränkt würde oder zeitweilig ganz unterbliebe und dass infolge dessen bestimmte Gebrauchsgegenstände etc. nicht oder nur begrenzt zur Verfügung stünden. Er bestünde vielmehr in den Folgen, die dies hätte: Im Kommunismus wäre niemand auf Geldeinkommen durch Verkauf angewiesen, um damit seine lebensnotwendigen Lebensmittel zu kaufen; Betriebe wären nicht in ihrer Existenz bedroht, nur weil sie eine Zeit lang nichts für den Verkauf produzieren. Die stillstehenden Betriebe könnten zu jeder Zeit wieder in Betrieb genommen werden. Flugzeuge könnten wieder fliegen, als sei nichts geschehen. Im Kommunismus müsste niemand verkaufen, um existieren zu können.

Im Kommunismus wäre es aber durchaus nötig, dass Leute, die das unter heutigen Bedingungen für sich ganz und gar ausschließen, zum Beispiel Spargel stechen oder in der Pflege helfen usw.

4. Wenn eine Pandemie auf allgemeine Warenproduktion trifft, dann auch auf ein Gesundheitswesen, das mehr und mehr genau im Sinne dieser Produktionsweise betrieben wird. Da bleibt „soziale Ein- und Vorsicht“ zumeist der „ökonomischen Effizienz“ untergeordnet. Diese ökonomische Effizienz des Einzelbetriebs, im Gesundheitswesen wie allgemein, setzt der Vorsorge enge Grenzen. In allen kapitalistischen Ländern wurde das Gesundheitswesen in den letzten Jahrzehnten auf ökonomische Effizienz getrimmt. (In den USA war es schon immer vollständig davon bestimmt.) Das Robert-Koch-Institut hat 2012 ein Papier zu den Gefahren einer Pandemie und zur Vorbeugung verfasst. Das fiel dem Effizienzdenken zum Opfer; man hatte anderes im Sinn.

In allgemeiner Warenproduktion entwickelt sich die gesellschaftliche Arbeitsteilung spontan, wird bestimmt von der Investitionsfreiheit des Privateigentums. Die Investitionstätigkeit des Einzelkapitals ist gerichtet auf steigende Rentabilität: Es investiert dort, wo die größte Rendite erwirtschaftet werden kann. Das gilt auch für die Unternehmen, die medizinische Geräte, Medikamente oder Schutzausrüstungen herstellen. Nach Ausbruch der Pandemie stellt man nicht nur fest, dass es zu wenig Beatmungsgeräte, Schutzmasken etc. gibt, sondern auch, dass solche Produktion sich mittlerweile in ganz bestimmten Nationalökonomien konzentriert hat. Man stellt fest, wie abhängig man ist von deren Lieferfähigkeit. Man stellt fest, dass auch hier die Konkurrenz ihr zweifelhaftes Werk verrichtet. Die seit der letzten Weltwirtschaftskrise sich deutlich verschärfende Konkurrenz zwischen den Nationalökonomien (Stichwort Handelskrieg) verschafft sich auch im Kampf gegen die Pandemie Geltung.

Unter diesem Eindruck will der bürgerliche Staat etwa hier in Deutschland bestimmte Produktion „zurückholen“. Nicht weil es im Sinne einer sicheren weltweiten Versorgung grundsätzlich vernünftig ist, „lebensnotwendige Produktion“ dezentral zu organisieren, sondern zum Wohle der Nation. Im Kommunismus würde die gesellschaftliche Arbeitsteilung – gerade auch international – bewusst gestaltet, eben im Interesse einer möglichst sicheren Versorgung weltweit.

Das alles sind zunächst nur ein paar grobe Gedanken, die allenfalls anregen können und sollen. Die Pandemie hat einige Sachen aufdeckt, ins allgemeine Bewusstsein befördert, die es Wert sind, aus kommunistischer Sicht genauer betrachtet zu werden. Dazu zählt dieser letzte Gesichtspunkt der heutigen internationalen Arbeitsteilung, das Gesundheitswesen und noch anderes mehr. Überall werden Mängel sichtbar und „öffentlich besprochen“, die Produkt „ökonomischer Rationalität“ sind. Dass momentan Gesundheit vor Ökonomie geht, kann in der kapitalistischen Gesellschaft nur eine kurze Episode sein. Wollte man dabei bleiben, müsste die kapitalistische Produktionsweise in einer sozialen Revolution überwunden werden.

Robert Schlosser

Mehr Texte des Autors auf Robert Schlossers Werkstatt.

3 Gedanken zu “Pandemie, allgemeine Warenproduktion und Kommunismus

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