COVID19 und die Platzbesetzungen in Bagdad – Forderungen der Workers against Sectarianism

Im Oktober 2019 brachen im gesamten Irak Aufstände aus, die bis heute ohne Unterbrechung andauern. Die Protestierenden haben u.a. in Bagdad, al Nasiriyah, al Basra und vielen anderen Städten zentrale Plätze besetzt und demonstrieren regelmäßig. Sie fordern die Säkularisierung des irakischen Staates und bessere Lebens- und Arbeitsverhältnisse. Bisher reagierte die Regierung mit gewaltsamer Repression, der bereits mehr als 600 Menschen zum Opfer gefallen sind. Die Lage spitzt sich nun angesichts der Bedrohung durch die Corona-Pandemie und der durch die Regierung zum 18.03. verordneten Ausgangssperre zu. Auf dem Al-Tahrir-Platz in Bagdad hält derweil die Besetzung an: Die Protestierenden verbleiben in ihren Zelten und versuchen, trotz der Bedrohung durch den Corona-Virus und den zu erwartenden staatlichen Repressionen, ihren Protest und ihre Forderungen weiter durchzusetzen. Sterilisations-Teams desinfizieren regelmäßig die Zelte und den Platz; das von den Protestierenden eingerichtete Krankenhaus stellt die notwendige medizinische Versorgung bereit und gibt täglich Aufklärungskurse über die nötigen Hygienemaßnahmen. Die Gruppe workers against sectarianism ist seit Beginn der Aufstände auf dem al-Tahrir-Platz, informiert international über die laufenden Geschehnisse und stellt Forderungen, um die Corona-Krise zu bewältigen, die auch Ausdruck des privatisierten Gesundheitssystems im Irak und dem konfessionalistischen System ist. Wir haben diese Forderungen übersetzt.

Dringliche Erklärung – Workers against Sectarianism

20.03.2020

Die irakische Bevölkerung kämpft schon seit Jahren für ein Land mit Gesundheitsinstitutionen, die frei von Korruption und Konfessionalismus sind, und allen Irakerinnen und Irakerinnen gleichermaßen dienen. Damit einher ginge auch eine Anhebung des irakischen Standards der Gesundheitsversorgung auf weltweites Niveau. Das neoliberale, konfessionalistische System im Irak hat auch dem Gesundheitssystem geschadet, indem es privatisiert und opportunistischen und profitorientierten Interessen unterworfen wurde, denen es darum geht, Geld zu verdienen, anstatt sich um die Gesundheit der BürgerInnen kümmern.  Dies ist auch auf die politischen, islamistischen Parteien an der Macht zurückzuführen, die zusammen mit den Händlern [A.d.Ü.: Die AutorInnen beziehen sich hierbei auf das Agieren von Zwischenhändlern, die etwa Medikamente aus China, Europa oder den USA importieren. Siehe unten.] für eine Verschlechterung der Lebensbedingungen, insbesondere für die Armen im Irak, gesorgt haben. Diese Situation wird während der heutigen globalen Gesundheitskrise in der Folge des sich weltweit ausbreitenden Corona-Virus noch deutlicher.

Die nicht endenden Proteste beweisen jedoch, dass die irakische Bevölkerung für einen besseren Irak mit einem soliden Gesundheitssystem kämpft, dass für alle Menschen da ist. In diesen Tagen gehen von den AktivistInnen auf den besetzen Plätzen Kampagnen aus, die Bewusstsein für den Corona-Virus schaffen sollen, um ihn dadurch zu bekämpfen. In der weltweiten Gesundheitskrise steht die irakische Bevölkerung, vor allem die armen Familien, zusammen, um den Corona-Virus zu eliminieren. So wie wir angesichts verschiedener Krisen triumphiert haben, unter anderem die konfessionalistische Krankheit, werden wir gemeinsam über den Corona-Virus triumphieren, auch wenn es dafür kein staatliches Interesse und keine staatliche Fürsorge gibt.

Als Workers against Sectarianism, rufen wir die Bevölkerung im Irak, einschließlich uns selbst, dazu auf, folgendes zu tun:

1. Teilt Essen und Gemüse mit euren Nachbarn. Wir haben das bereits in vergangenen Krisen getan, wie unsere Geschichte gesellschaftlicher Solidarität zeigt. Wir sollten heute nicht vergessen, dass es Familien aus der ArbeiterInnenklasse gibt, die nichts außer ihren Tageslohn haben und von der Hand in den Mund leben. Es ist ihnen unmöglich, Nahrung für eine Woche oder einen Monat zu kaufen.

2. Wir müssen uns an die Anweisungen der Weltgesundheitsorganisation in Bezug auf den Virus und der Virusprävention halten. Das bedeutet, die Hände mit Sterilisierungsmitteln zu desinfizieren, keine Dinge auf öffentlichen Plätzen berühren, Treffen vermeiden, keine Handschütteln, Küsse usw.

3. Der Staat sollte in den Markt eingreifen und der Gier der Händler, die die Preise extrem in die Höhe treiben, Einhalt gebieten. Außerdem sollte der Staat eine Arbeitslosenversicherung bezahlen und die staatliche Lebensmittelzuteilung verbessern, vor allem für arbeitslose Familien und prekär Beschäftigte, um sie vor einer drohenden Hungerkrise zu schützen. [A.d.Ü.:. Als staatssozialistisches Erbe werden im Irak Grundnahrungsmittel (Reis, Öl und selten Zucker) umsonst an die Bevölkerung verteilt. Allerdings hat die Palette an Lebensmitteln, die man kriegt, in den letzten Jahren abgenommen bzw. wurde das System der Lebensmittelzuteilung  nach der US-Invasion zeitweise ganz ausgesetzt.]

4. Wir rufen alle Vermieter dazu auf, für mindestens einen Monat auf die Mieten der BewohnerInnen wie Familien, Restaurant- oder LadenbesitzerInnen zu verzichten. Für die LadenbesitzerInnen könnten die Renten halbiert werden. Wir rufen die Vermieter dazu auf, menschlich zu handeln, weil wir unter schwierigen und harschen Bedingungen leben, auf der ganzen Welt im Allgemeinen und im Besonderen im Irak.

5. Wir rufen die heldenhaften freiwilligen Jugendteams dazu auf, ihre Kampagne vor allem in die ärmeren Gegenden zu tragen. Wenn möglich, sollten Sterilisationsmittel und Masken kostenlos an die Bevölkerung verteilt werden. Ihr seid stets in allen Krisen da gewesen und habt bewiesen, dass ihr bereit seid, euch Gefahren zu stellen.

6. Wir rufen die privaten Unternehmen dazu auf, die Löhne der ArbeiterInnen, die wegen der Ausgangsspeere abwesend sind, nicht zu kürzen. Das bedeutet einen Verstoß gegen das irakische Arbeitsrecht. Auch wenn euch heute der Staat nicht bestraft, werden es eines Tages die ArbeiterInnen tun!

Wir bleiben im Angesicht der Krise stark. Wann immer eine Krise auf uns zukommt, bekämpfen wir sie mit unserer gesellschaftlichen Solidarität, Großzügigkeit, Einigkeit und Standfestigkeit. Wir waren mit großen Krisen wie ISIS, den Konfessionalismus und der Korruption konfrontiert. Wir können dieser Pandemie mit Optimismus, Hoffnung und der Liebe zum Leben entgegentreten.

Wir wünschen allen Menschen in Italien, China, dem Iran, Deutschland, dem Rest der Welt sowie in unserem geliebten Land Sicherheit.

Workers against sectarianism

#woagse  #عمال_ضد_الطائفية

Kostenlose Nahrung für die arme Bevölkerung

~~~ENGLISH~~~~

In October 2019, revolts broke out throughout Iraq and have continued without interruption to this day. The protesters have occupied central squares in Baghdad, al Nasiriyah, al Basra and many other cities and demonstrate regularly. They demand the secularisation of the Iraqi state and better living and working conditions. So far, the government has responded with violent repression, which killed more than 600 people. The situation is now worsening in view of the threat of the Corona pandemic and the curfew imposed by the government on 18 March. Meanwhile, the occupation of Al-Tahrir Square in Baghdad continues: The protesters remain in their tents, trying to continue their protest and demands despite the threat of the corona virus and the expected government repression. Sterilisation teams regularly disinfect the tents and the square; the hospital set up by the protesters provides the necessary medical care and offers daily courses on the necessary hygiene measures. The group „workers against sectarianism“ has been in al-Tahrir Square since the beginning of the uprisings, providing international information on current events and making demands to deal with the Corona crisis, which is also an expression of the privatised health system in Iraq and the sectarian system. We have translated these demands.

Urgent statement – Workers against Sectarianism

For many years, the Iraqi people have been fighting for a country with health institutions that are free from corruption and sectarianism serving all the people of Iraq equally. This includes the raising of Iraq’s standards of health care to global health standards.

The neoliberal, sectarian system in Iraq has violated these institutions as well, privatising them and turning them into opportunistic and profitable institutions that are concerned with making money and not concerned with the health of their citizens. This is also due to the political, islamist parties in power who together with the merchants have meant worsening conditions, especially for Iraq’s poor. This situation becomes more obvious during today’s global health crisis of the corona virus spreading all over the world.

However, the ongoing protests are proof to the fact that the Iraqi people are fighting for a better Iraq with solid health care system that provides for all people. In these days activists of the protest squares are making awareness campaigns to fight the corona virus. Therefore, the Iraqi people, especially poor families in this global health crisis, are standing united to eliminate the corona virus. Just as we have triumphed over several crises, such as the sectarian disease, we will triumph together over this corona virus even in the absence of state interest and care.

As the group of workers against sectarianism, we call on ourselves and we invite all of the Iraqi people to:

1. Share food and vegetables within your neighbourhoods. We have done this in the past crises as our history of social solidarity shows. Today, we should not forget that there are working class families that only have daily wages and live day by day and cannot afford to buy food for a week or month.

2. We must follow the instructions of the World Health Organization regarding the virus and its prevention. This includes sterilising hands with sterilisers, not touching things in public places, avoiding gatherings, not giving handshakes, kisses etc.

3. The state should intervene in the market to stop the greed of merchants who raise prices extremely. The state should also pay an unemployment insurance and improve the „food ration card”, especially for unemployed families and precarious workers to protect them from the threat a hunger crisis.

4. We call upon landlords to not take rents from tenants, such as families, restaurant- or shopowners for at least one month. For shopowners, rents might be be cut in half. We call on landlords to act humane as we live in difficult and harsh conditions in the world in general and in Iraq in particular.

5. We call on our heroic civil volunteer youth teams to carry out awareness campaigns in poor areas in particular. If possible, sterilisers and masks shall be distributed for free to citizens. You have always been present in all crises and ready to face all dangers.

6. We call on private companies to not cut the wages of workers who will be absent due to the curfew. This violates Iraqi labor law. If the state does not punish you today, workers will do one day!

Finally, we are a strong people in the face of crises. Whenever a crisis strikes us, we fight it off through our social solidarity, generousness, unity and steadfastness. Just as we have faced great crises such as ISIS, war, sectarianism and corruption, we can face this pandemic with optimism, hope and love for life.

We wish safety to all people in Italy, China, Iran, Germany, the rest of the world and in our dear country.

Workers against sectarianism

Sterilisationsteams desinfizieren die Zelte auf dem besetzten al-Tahrir-Platz

Ein Gedanke zu “COVID19 und die Platzbesetzungen in Bagdad – Forderungen der Workers against Sectarianism

  1. Pingback: Interview: “Für viele Frauen im Irak ist die Quarantäne schon lange Lebensrealität” – Solidarisch gegen Corona

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s