Transnationales Feministisches Manifest

„Wir werden nicht zur Normalität zurückkehren, denn die Normalität war das Problem“

In einem „transnationalen feministischen Manifest“ machen Initiativen aus einem guten Dutzend Länder nicht nur deutlich, wie die Corona-Pandemie und die Maßnahmen zu ihrer Eindämmung Frauen ganz besonders treffen. Sie betonen auch, dass deren Kämpfe, die in den vergangenen Jahren in vielen Ländern erheblichen Aufschwung erfahren haben, unter den nun erschwerten Bedingungen fortgeführt werden – von Kämpfen gegen männliche Gewalt, die im Lockdown gerade drastisch zunimmt, über Streiks in Fabriken und Logistik bis hin zu Widerstand gegen die rücksichtslose Ausbeutung natürlicher Ressourcen. Auf diesen feministischen Blick auf die derzeitige Lage wollen wir aufmerksam machen.

Der Hintergrund des Manifests ist das erwähnte Wiedererstarken von feministischen Kämpfen in den letzten Jahren, besonders in europäischen Ländern wie Spanien oder Italien und lateinamerikanischen Ländern. Der Ausgangspunkt, der die Frauen aus verschiedenen Ländern in einen gemeinsamen Kampf treten lässt, ist die erfahrene Gewalt durch die patriarchale Organisation der Gesellschaft. Unter der Losung „Ni una menos“ („Nicht eine (Frau) weniger“) sind unter anderem in Argentinien und Mexiko regelrechte Massenbewegungen entstanden, die gegen die um sich greifenden Morde an Frauen (Femizide) aufbegehren. (Auch in Deutschland gibt es seit 2017 Gruppen, die das Problem unter dem Slogan #keinemehr angehen.) Aber auch in Polen hat der Vormarsch der katholischen Rechten Millionen von Frauen auf die Straße getrieben, und auch dort halten zurzeit trotz der Pandemie Proteste gegen den Versuch der Regierung an, eines der reaktionärsten Abtreibungsgesetze in Europa noch weiter zu verschärfen.

Bemerkenswert sind nicht nur diese Bewegungen an sich, sondern auch ihr grenzüberschreitender Charakter. Vor allem rund um die Frauenstreiks am 8. März ist so von Südamerika bis in die kurdischen Gebiete hinein eine neue feministische Internationale entstanden. Das aktuelle Manifest schließt direkt daran an. Sein Internationalismus hat allerdings auch blinde Flecken: Wer die Lage in den besetzten palästinensischen Gebieten kurzerhand auf die Formel einer „imperialistischen Invasion“ bringt, über die Hamas und andere Gestalten der arabischen Reaktion aber kein Wort verliert, schreibt ein antiimperialistisches Schwarz-Weiß-Denken fort, mit dem sich die Linke historisch immer wieder blamiert hat und das gerade in diesem Fall die Sache der Frauenbefreiung sicher nicht fördert.

Website Non una di meno mit dem Manifest in Italienisch, Deutsch, Englisch, Katalanisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch

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TRANSNATIONALES FEMINISTISCHES MANIFEST um gemeinsam aus der Krise herauszukommen und das System zu verändern

Im gegenwärtigen Moment umarmen sich die Feminist*innen der Welt noch mehr. Wir werden nicht zur Normalität zurückkehren, denn die Normalität war das Problem: Im Angesicht dieser neuen weltweiten, gesundheitlichen, wirtschaftlichen und Ökosystemkrise kapituliert die globale feministische und transfeministische Bewegung nicht vor der Isolation und wird ihre Kämpfe trotz der Einschränkungen, die in unseren Gebieten durchgesetzt wurden, nicht verstummen lassen. Überall auf der Welt weigern sich Frauen und Queers, sich der durch die globale Pandemie noch zugespitzten Gewalt zu unterwerfen. Gestärkt durch die Kraft der internationalen feministischen Streiks der letzten Jahre, beginnen sie sich zu organisieren und ihre rebellischen Praxen miteinander zu verflechten.

Diese Krise offenbart und verschärft die Gewalt, die Hierarchien und die strukturellen Wurzeln der Unterdrückung, Ausbeutung und Ungleichheit des kapitalistischen und kolonialen Patriarchats, gegen das wir schon immer gekämpft haben und auch weiter kämpfen werden. Gerade in den Spannungen und Brüchen, die durch diese Krise eröffnet werden, entstehen neue Formen des Widerstands und der Solidarität, denen wir angehören, denen wir uns anschließen wollen und denen wir durch unsere kollektive Stimme Resonanz auf globaler Ebene verschaffen wollen. Damit wir gemeinsam aus der Isolation herauskommen und die vorherrschenden Paradigmen untergraben können, durch die Bekräftigung feministischer, transfeministischer und antipatriarchaler Kenntnisse, Forderungen und Praxen. 

Das Coronavirus trifft uns alle, aber die Auswirkungen der Pandemie unterscheiden sich und das noch deutlicher, wenn wir sie aus einer grenzübergreifenden Perspektive betrachten, die von unseren Positionen als FLINT* ausgeht.

Man hat uns angewiesen Zuhause zu bleiben, ohne in Betracht zu ziehen, dass das für viele von uns kein sicherer Ort ist und es Personen gibt, die nicht einmal ein Zuhause haben. Feminizide und geschlechtsspezifische Gewalt haben seit Beginn dieser Krise zugenommen. Quarantänemaßnahmen und Ausgangssperren haben es Frauen und Queers noch schwerer gemacht, gegen machistische Gewalt zu rebellieren und unserem Willen zu Freiheit und Selbstbestimmung Ausdruck zu verleihen.

Die Krise greift die unterschiedlichen materiellen Bedingungen der Reproduktion an und macht insbesondere die produktive und reproduktive Arbeit von Frauen und Queers gleichzeitig noch prekärer und intensiver: Während diese Arbeit immer unsichtbar gemacht und ausgebeutet wurde, tritt nun ihre Notwendigkeit zutage. Das macht ihre politisch zentrale Position deutlich, auf die wir immer verwiesen hatten.

Zum einen lädt das patriarchale System die Betreuung von älteren Menschen und Kindern auf Frauen ab und vergrößert die Belastung durch Hausarbeit. Auf der anderen Seite gibt es viele Frauen – Krankenschwestern, Ärztinnen, Reinigungskräfte, Kassiererinnen, Fabrikarbeiterinnen, Apothekerinnen -, die in dieser Notlage an vorderster Front stehen und unter gesundheitsgefährdenden Bedingungen, mit langen Arbeitszeiten und oft miserablen Löhnen arbeiten müssen.

Die professionelle Haus- und Sorgearbeit, so wie viele prekäre und informelle Arbeiten, werden häufig von migrantischen, Schwarzen, indigenen Frauen oder Frauen mit afrikanischen Vorfahren ausgeführt. Sie werden jetzt nicht nur gekündigt und haben keine Möglichkeiten mehr, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten oder Arztrechnungen zu bezahlen, sondern finden sich auch ohne Aufenthaltsgenehmigung wieder, noch stärker rassistischen Angriffen ausgesetzt, den gesundheitlichen und ökonomischen Folgen sowie der Ansteckungsgefahr, da sie häufig in besonders dicht besiedelten und armen Gegenden leben.

Auf diese Weise werden einerseits unsere Leben geopfert, um diese Krise zu bewältigen, und andererseits die nicht als produktiv geltenden Körper und Fähigkeiten, wie etwa die von Menschen mit Behinderung, komplett unsichtbar und schutzlos gemacht werden.

In den indigenen Gemeinschaften, die völlig ohne Grundversorgung sind, sehen sich Frauen dazu gezwungen, ihre Arbeit für Sorge umeinander und den Erhalt des Lebens noch zu intensivieren. Gleichzeitig produzieren sie weiterhin die Lebensmittel für die Versorgung der Städte und entwickeln Formen der gegenseitigen Unterstützung in der Bewältigung der Pandemie.

Einige Länder öffnen ihre Grenzen nur dann für Migrant*innen, wenn ihre Arbeit für die Sicherung der Lebensmittelkette während der Pandemie notwendig ist, während andere Länder ihre Grenzen nicht nur für die Menschen im Inland schließen, sondern auch für Migrant*innen. Diese lassen sie in überfüllten Flüchtlingslagern zurück und verletzen ihr Recht auf Gesundheit sowie auf die Rückkehr in ihre Heimat. An den zahlreichen Fronten von Kriegen und Konflikten, wie etwa dem kurdischen oder dem palästinensischen, geht die imperialistische Invasion und Besatzung der Gebiete weiter und erschwert den Zugang zur Gesundheitsversorgung. Das spitzt den Angriff auf die Revolution der kurdischen Frauen genauso zu wie den Kampf aller Frauen, die frei von kolonialer und patriarchaler Herrschaft sein wollen.

Während sich heute mehr denn je Gesundheit und Leben als kollektive und politisch zentrale Themen erweisen, hat uns die jahrelange neoliberale Politik eine Logik der individuellen Verantwortung aufgezwungen, wenn auch in unterschiedlicher Intensität: In vielen Ländern wurden Einschnitte im Gesundheits- und Sozialsystem vorgenommen, wodurch Tausende von Menschen keine Arzneimittel erhalten und  gezwungen sind, die staatliche Abwesenheit durch Solidaritäts- und Unterstützungsnetzwerke zur gegenseitigen Versorgung auszugleichen; in anderen Ländern gab es wiederum nie ein öffentliches Gesundheits- und Sozialsystem, und die Situation hat sich mit der weit verbreiteten Umsetzung von wirtschaftlichen Spar- und Reformplänen noch verschärft. Außerdem wird die Krise in vielen Fällen dafür ausgenutzt, die sexuellen und reproduktiven Rechte und Freiheiten von Frauen und Queers noch weiter einzuschränken.

Aus einer anderen Perspektive zeigt der Neoliberalismus sein brutalstes Gesicht in der Militarisierung und Versicherheitlichung des städtischen und ländlichen Raums durch bewaffnete Streitkräfte. Diese nutzen den Notstand und eine bereits bestehende demokratische Brüchigkeit der Regierungen aus, um alle Spuren von Revolte zum Schweigen zu bringen, Solidaritätsnetzwerke zu kriminalisieren und die Befehlskette eines immer autoritärer und repressiver werdenden Staates zu sichern.

Und schließlich wird noch offensichtlicher, dass wir die Zerstörung der Umwelt und des Ökosystems nicht hinnehmen können. Dass jede lebende Spezies und jede natürliche Ressource den Bedürfnissen des Profits des Kapitals unterordnet begünstigt eben jene Störungen, die die Verbreitung des Coronavirus ermöglicht haben. Extraktivismus – der Raubbau an der Natur –, großindustrielle Nahrungsmittelproduktion, intensive Monokulturen und Umweltverschmutzung verurteilen Millionen von Menschen zu einer neuen, beispiellosen Ernährungskrise.

Die Pandemie macht die Unhaltbarkeit der kapitalistischen, patriarchalen und kolonialen Organisation der Gesellschaft und die bereits zuvor bestandene Krise des Neoliberalismus deutlich. Unser Kampf darf nicht nur auf unser Überleben in Bezug au die Ansteckungsgefahr abzielen, sondern muss auch auf die immensen Folgen eingehen, die dies für unsere wirtschaftlichen und materiellen Bedingungen haben wird.

Wir glauben, dass die Reaktionen der Regierungen völlig unzureichend sind und wir lehnen jede Politik ab, die statt dem Gesundheitssystem weiterhin die Unternehmen finanziell unterstützt und die die Pandemie zur Konsolidierung von Extraktivismus-Projekten nutzt. Obwohl die Maßnahmen der Staaten nicht einheitlich sind, folgt die kapitalistische Antwort auf diese Krise überall auf der Welt derselben Logik: sie stellt die Interessen des Kapitals über unsere Gesundheit, indem sie die tatsächlichen Kosten dieser Krise auf uns abwälzt und dauerhafte Effekte hervorbringt. Wir wollen aus dieser „Notlage“ nicht noch verschuldeter und ärmer herauskommen! Wir wollen Grenzen überwindenden, feministischen Ausweg aus der Krise, damit wir nicht mehr zu einer „Normalität“ zurückkehren, die durch Ungleichheiten und Gewalt aufrecht erhalten wird.

In allen ärmeren Vierteln werden lautstarke Proteste organisiert, um den Anstieg an Feminiziden und häuslicher Gewalt öffentlich zu verurteilen. Überall auf der Welt prangern die Hausarbeiterinnen ihre absolute Prekarität, ihren Mangel an Rechten und Schutz an. Krankenschwestern und Ärztinnen protestieren wegen der fehlenden Schutzmittel und machen damit klar, dass sie ihr Leben nicht um jeden Preis zur Verfügung stellen. Arbeiter*innen in Logistiklagern und Fabriken streiken, weil sie sich weigern, ihre Gesundheit für die Interessen der Unternehmen zu opfern. In ihren Gemeinschaften kämpfen indigene Frauen weiterhin gegen extraktivistische Projekte und den Aufkauf ihrer Gebiete und gemeinschaftlichen Ressourcen. In jedem Gefängnis kritisieren die Insassen die unmenschlichen Haftbedingungen innerhalb eines militärischen und extrem rassistischen Komplexes. Überall prangern Schwarze Frauen und Frauen mit afrikanischen Vorfahren den institutionellen Rassismus in der Vewaltung der Pandemie und Migrant*innen fordern Papiere, um nicht Bedingungen zugespitzter Ausbeutung und Gewalt unterworfen zu sein. Sexarbeiter*innen fordern weiterhin die Entkriminalisierung ihrer Arbeit, um nicht mehr von den sozialen Sicherheitspolstern ausgeschlossen zu sein und durch das patriarchale, kapitalistische und koloniale System stigmatisiert zu werden.

In Rojava – inmitten des historischen Widerstands gegen den Krieg – antworten kurdische Frauen auf die Pandemie, indem sie ihre konföderale Selbstorganisation über Grenzen hinweg stärken, ihr gemeinschaftliches Gesundheitssystem und ihre Netzwerke einer selbstverwalteten und ökologischen Wirtschaft.

Ausgehend von unseren unterschiedlichen materiellen Bedingungen, unserer Pluralität von Sprachen, unserer Heterogenität von Praxen und unserer Komplexität von Diskursen sind wir entschlossen, unsere Kämpfe, Widerstandspraxen und Formen der Solidarität zu erhalten, zu stärken und miteinander zu verbinden. So wie jene, die auf globaler Ebene spontan entstehen und die für die Wiederbelebung unserer künftigen Initiative von zentraler Bedeutung ist. Was uns der weltweite feministische Streik in diesen vier Jahren gelehrt hat, ist, dass wir zusammen und vereint mehr Kraft haben, gegen die patriarchale und repressive „Normalität“ zu rebellieren. Wir müssen jetzt mehr denn je unsere Millionen Stimmen in die gleiche Richtung lenken, um die Zersplitterung zu vermeiden, die uns die Pandemie auferlegt. Im Moment können wir die Straßen nicht mit unserer feministischen Macht durchfluten, aber wir werden weiterhin unsere ganze Wut gegen die Gewalt eines Systems herausschreien, das uns ausbeutet, unterdrückt und tötet und werden die Schuldigen benennen. Damit wir unseren Platz in der ersten Reihe in noch größerer Anzahl wieder einnehmen werden können.

Wir werden diesen Prozess der Grenzen durchkreuzenden feministischen Befreiung, den wir kollektiv und weiträumig gestalten, nicht unterbrechen. Wir werden weiterhin für jenes Leben kämpfen, das wir uns wünschen und von dem wir träumen.

Wir rufen alle, die patriarchale Gewalt, Ausbeutung, Rassismus und Kolonialismus ablehnen, dazu auf, sich zu engagieren und sich uns anzuschließen, damit der weltweite feministische Kampf bereichert und gestärkt wird. Denn vereint überstehen wir nicht nur die Pandemie, sondern können alles ändern.

Ein Hoch auf die Kämpfer*innen!

FEMINISTISCHE TRANSNATIONALE

Das ist ein wachsender feministischer, transfeministischer und antipatriarchaler Raum im Aufbau und wir laden euch ein: Schließt euch uns an oder kontaktiert uns, wenn ihr Teil davon sein wollt.

ALAMES (Ecuador); Associació stop violències (Andorra); Bibi Ni una menos – Soriano (Uruguay); Cabildo de mujeres (Ecuador); Creando Juntas (Ecuador); Coordinadora Feminista 8M (Chile); Democracia Socialista (Argentinien); Desmadres (Uruguay); Disidentes Violetas (Ecuador); Feministas; Autónomas (Bolivien); Feministas con voz de maíz (Mexiko); Feministinnen in Holland (Holland); Regionale Gruppen aus dem Netzwerk für einen feministischen Streik Deutschland (Stuttgart, Berlin, Augsburg, Frankfurt/Main, „Gemeinsam kämpfen“, Leipzig); International Women’s Strike (U.S.A.); Luna Creciente (Ecuador); Minervas (Uruguay); Movimiento de Mujeres de Kurdistán en America Latina (Kurdistan); Nina Warmi (Ecuador); Ni Una Menos (Argentinien); Non Una Di Meno (Italien); Opinión Socialista (Argentinien); Parlamento Plurinacional de Mujeres y Feministas (Ecuador); Radical Women/Mujeres Radicals (Australia & U.S.A); Red de feminismo populares y desde abajo (Uruguay); Revista Amazonas (Ecuador); Toutes en Grève (Frankreich)

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