24h-Pflege und Corona: Arbeiterinnen sitzen fest

In Österreich arbeiten über 80.000 Personen in der 24h-Betreuung, fast alle sind Frauen. Sie betreuen vor allem alte Menschen in deren Zuhause. Im Jahr 2018 waren unter den Betreuerinnen nur 96 mit österreichischem Pass. Fast alle Personenbetreuer*innen reisen für diese Arbeit aus osteuropäischen Ländern an, die Hälfte von ihnen aus Rumänien. In einer Verschärfung der Tradition des Gastarbeiter*innen-Regimes werden billige Arbeitskräfte aus Osteuropa nach Österreich geholt. Die Betreuerinnen leben weiterhin in Rumänien und kommen für mehrere Wochen am Stück zur Rund-um-die-Uhr-Pflege. Nur so ist ein Überleben mit der schlechten Entlohnung überhaupt möglich. Nur so können die Löhne so tief gedrückt werden. Die Arbeiter*innen werden zur Scheinselbständigkeit gezwungen, während Vermittlungsagenturen monatlich bis zu 400 Euro Provision von ihnen kassieren. 

In Zeiten der Covid-19-Pandemie hat sich die Situation der Betreuerinnen noch weiter verschlechtert, auch wenn überdeutlich wird, dass das Pflegesystem ohne sie nicht funktionieren könnte. Am 30.3. wurden die ersten Arbeiterinnen aus Rumänien und Bulgarien nach Österreich eingeflogen, um neue Fälle abzudecken. Zuvor müssen sie noch 2 Wochen unbezahlt in Quarantäne. Die Betreuerinnen, die seit Anfang der Corona-Krise an ihren Arbeitsplätzen festhängen werden weiterhin nicht abgelöst. Flavia Matei ist als Aktivistin mit Arbeiter*innen aus der 24h-Betreuung organisiert. Die Gruppe hat sich gegründet, nachdem die ÖVP-FPÖ-Regierung 2018 die Familienbeihilfe für Arbeiter*innen, die im Ausland leben, gekürzt hat. Die Arbeitsgruppe „Feministischer Streik“ aus Wien hat mit Flavia über die aktuelle Lage und den Kampf der 24h-Betreuer*innen gesprochen. Das Interview wurde am 28.3.2020 für einen Radiobeitrag geführt.

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Kannst du uns erzählen, wie die Situation aktuell für Betreuerinnen in der 24h-Pflege ist?

Viele sind sehr verunsichert. Einige sind jetzt in Österreich und haben den Turnus wegen der Corona Krise verlängern müssen und einige sind in Rumänien hängen geblieben und haben deshalb aktuell kein Einkommen. Also die ganze Situation ist für beide Fälle ziemlich stressig und es ist unklar, wie es weiterläuft.

Wie läuft der ganze Prozess für die Arbeiterinnen normalerweise ab und was hat sich durch Corona verändert?

Prinzipiell läuft es so: Die Arbeiterinnen kommen für 2 bis 4 Wochen am Stück aus Rumänien und sind dann täglich 24h für die Patient*innen da. Sie machen eine Arbeit, die kaum jemand machen will und sie werden dafür auch extrem schlecht bezahlt. Zwischen 40 und 80 Euro netto am Tag. Das heißt viele von den Personenbetreuerinnen verdienen Netto kaum mehr als 2€ pro Stunde. Übrig bleibt für ein ganzes Monat durchgehende Arbeit dann oft nicht mehr als 1300€. Die Situation hat sich jetzt noch verschlechtert, einige von den Betreuer*innen beschweren sich, dass sie einfach nicht genug Lebensmittel von den Familien bekommen. Sie müssen selber einkaufen gehen, obwohl sie mit älteren Senior*innen im Haus sind. Dadurch, dass sie die alltäglichen Aufgaben jetzt selber erledigen müssen, exponieren sie auch die Patient*innen, was die Ansteckungsgefahr betrifft. Und die Vermittlungsfirmen, die diese Arbeitsstellen für sie organisiert haben, die melden sich gar nicht bei ihnen. Nur wenn sie die Provision kassieren. Sonst werden die Betreuerinnen nicht einmal angerufen oder gefragt, wie es ihnen geht und ob sie etwas brauchen. 

Momentan sind die Grenzen ja für den Personenverkehr großteils geschlossen. Gibt es noch eine Möglichkeit für Betreuerinnen zwischen den Ländern zu reisen?

Nein, die einzige Möglichkeit ist noch durch den Nachtkorridor durch Ungarn zu fahren. Zwischen 21h am Abend und 5h in der Früh, glaub ich, ist es erlaubt mit dem Auto Richtung Rumänien zu fahren. Aber sie sind für den Turnus Anfang März mit Transportbussen nach Österreich gekommen. Sie haben also keine Autos. Und mittlerweile gibt es einfach keine Transportbusse mehr. Die Transportfirmen haben alle Fahrten abgesagt. Sie sind wirklich hier hängengeblieben.

Wie sieht es mit Schutzmaßnahmen bezüglich Corona aus?

Oft gibt es gar nichts. Schutzausrüstung, Masken, Handschuhe – viele haben mit den Familien am Anfang der Krise noch schnell etwas dahingehend organisiert, aber das konnten natürlich nicht alle. Die, die das nicht gemacht haben, haben jetzt einfach keine Masken oder Handschuhe. Man muss sich zudem vorstellen, dass sie mit Senior*innen arbeiten. Das heißt ihre Patient*innen sind Personen mit schweren Krankheiten, viele sind dement zu einem gewissen Grad. Also das ist keine leichte Arbeit, bei der man den ganzen Tag vor dem Fernseher sitzt oder so. Das ist wirklich körperlich und psychisch anstrengende Arbeit. Sie müssen in der Nacht 4 bis 5 Mal aufstehen, weil die Patient*innen vielleicht eine Panikattacke haben oder verwirrt sind. Also das hat körperlich und psychisch große Auswirkungen. 4 Wochen ist der normale Turnus für rumänische Betreuer*innen und das ist schon sehr intensiv. Aber die meisten, die jetzt in Österreich steckengeblieben sind, die arbeiten schon seit 6 oder 7 Wochen. Viele sind wirklich an ihren Grenzen. 

Diese Situation, die du beschreibst, war auch schon vor der Pandemie Gegenstand von euren Kämpfen und eurer Organisierung. Kannst du erzählen, wie sich das verändert hat und ob gerade auch eine Politisierung möglich ist?

Naja, normalerweise sind die Betreuerinnen für einen Großteil der Gesellschaft unsichtbar. Die Arbeit bleibt unsichtbar. Und gerade jetzt in der Corona Krise merken viele, wie wichtig diese Arbeit ist und was mit der österreichischen Gesellschaft passiert, wenn diese Personenbetreuerinnen fehlen. Aber trotzdem werden in der Krise die Bedingungen für die Betreuungsarbeit schlechter und nicht besser. Das finde ich ist das Hauptproblem. Am Montag (30.03.) wird das Bundesland Niederösterreich 231 rumänische und bulgarische Personenbetreuerinnen einfliegen lassen. Die müssen dann 2 Wochen in Quarantäne bleiben, bevor sie zu ihren Klient*innen fahren, aber natürlich sind diese 2 Wochen unbezahlt. Dann beginnen die Turnusse und es ist unklar, wie lange diese dauern. Und dann wenn sie zurück nach Rumänien oder Bulgarien fahren, müssen sie voraussichtlich wieder 2 Wochen in Quarantäne, die wieder unbezahlt sind. Also insgesamt werden sie mindestens 2 Monate weg sein, aber davon ist nur 1 Monat bezahlt. Solche Sachen verschlechtern sich in dieser Zeit. 

Hast du mehr Informationen, wie das mit dem Einfliegen organisiert ist und wie das ausgewählt wird?

Was ich in den österreichischen Medien gelesen habe, wurde das vom Bundesland Niederösterreich und der Wirtschaftskammer Niederösterreich organisiert. Und ich habe gesehen, dass die Vermittlungsagenturen auch eine sehr wichtige Rolle spielen. Auch in dieser Situation wird nicht thematisiert, wie die Betreuerinnen in Rumänien zum Flughafen kommen. Da ist es gleich, wie vor der Corona Krise, sie werden einfach in überfüllten Minibussen zum Flughafen gefahren, ohne irgendwelche Schutzmaßnahmen. Das ist inakzeptabel. Alle Maßnahmen, die für die Bevölkerung erlassen werden, gelten für diese migrantischen Betreuer*innen in der Arbeit gar nicht. 

Ihr habt es geschafft, euch gegen die Isolation der einzelnen Arbeiterinnen, die bei der Pflegearbeit immer gegeben ist, zusammenzuschließen und eine solidarische Organisierung aufgebaut. Passiert gerade auch ein gemeinsamer Kampf?

Ja, wir versuchen die Personenbetreuerinnen, die in Rumänien hängen geblieben sind, zu unterstützen. Vor kurzem begann die Anmeldung für die Härtefallfonds und da könnten die Betreuerinnen ein bisschen Geld vom Staat Österreich bekommen, weil sie gerade kein Einkommen haben. Obwohl das sehr einfach dargestellt wird, ist das Formular nur auf Deutsch und damit ist das für migrantische Arbeiterinnen extrem schwer zugänglich. Deshalb übersetzen wir solche Dokumente etwa auf rumänisch und stellen sie online. Wir versuchen also gerade sehr viele Infos zu liefern und Öffentlichkeitsarbeit zu machen, damit auch diese Frauen Zugang zu den Fonds bekommen. 

Kannst du sagen, was es gerade braucht und wie aktuell eine solidarische Unterstützung aussehen kann?

Ich finde, dass die Medien eine sehr wichtige Rolle spielen, weil derzeit alle Artikel und Reportagen zum Thema 24h-Betreuung aus der Perspektive der österreichischen Familien und der Patient*innen sind. Natürlich ist das sehr wichtig in der Krise, dass diese Senior*innen keine Betreuung mehr bekommen, keine Frage. Aber es ist sehr wichtig auch die andere Perspektive sichtbar zu machen. Unter welchen Bedingungen die Betreuerinnen nach Österreich gebracht werden, unter welchen Bedingungen sie gerade arbeiten müssen und welche Unterstützung sie bekommen, oder eigentlich nicht bekommen. Und Druck auf die staatlichen Institutionen zu machen. Personenbetreuerinnen, die jetzt in Rumänien sind, können ihre Gewerbe nicht ruhend stellen, weil sie dann die Krankenversicherung verlieren. Die gesundheitliche Krise ist auch dort mittlerweile ein riesiges Problem. Sie brauchen ihre Krankenversicherung. Gleichzeitig verdienen sie nichts und beim nächsten Quartalsende müssen sie Sozialabgaben zahlen. 

Kannst du uns noch etwas über eure Organisierung erzählen?

Unsere Gruppe heißt Drept pentru îngrijire, das bedeutet „Gerechtigkeit für die Pflege- und Betreuungsarbeit“. Wir sind eine Gruppe aus rumänischen 24h Personenbetreuer*innen und Aktivist*innen. Wir arbeiten gemeinsam seit etwa 3 Jahren, seitdem die Indexierung der Familienbeihilfe für migrantische Familien eingesetzt wurde (Anm. d. Red.: Die Indexierung bedeutet, dass die Höhe der Familienbeihilfe an die Lebenshaltungskosten des jeweiligen Wohnortes des Kindes angepasst wird. Pflegekräfte aus Osteuropa trifft das besonders. Arbeiterinnen aus Rumänien erhalten seitdem nur mehr halb so viel Beihilfe, wie vorher). Seitdem kämpfen wir für bessere Arbeitsbedingungen für die migrantischen 24h-Personenbetreuer*innen. Wir haben auch ein Manifest mit Forderungen verfasst, eine Petition und unterschiedliche Aktionen durchgeführt. 

Angesichts der Corona Krise und der Situation von Betreuerinnen, die trotz der schwierigen Bedingungen nach Österreich fahren, haben wir Forderungen aufgestellt. Es ist wichtig, die Mobilität über drei Länder hinweg soweit es geht zu reduzieren, weil sie einfach ein Risiko für die Weiterverbreitung von Corona ist. Wir verstehen auch, dass wir nicht wissen, wie lange diese Krise dauert und dass sie potentiell die Existenz der Betreuer*innen gefährdet, wenn sie nicht weiter arbeiten können. Für unsere Gruppe ist das wichtigste, dass wir genauso wie andere vor Corona geschützt werden, auch wenn wir zum Arbeiten nach Österreich kommen. Was unsere Gruppe fordert ist kein Transport mehr in überfüllten Minibussen, sondern mit entsprechenden Abständen zwischen den Mitfahrenden. Wenn es aufgrund der Reisen zu Quarantänemaßnahmen kommt: Bezahlung auch während der Quarantäne für alle Betreuerinnen. Und Punkt Nummer drei, zusätzliche finanzielle Unterstützung für 24h Personenbetreuerinnen, wie zum Beispiel die Streichung von Sozialabgaben während der Krise, oder die Streichung von regelmäßigen Provisionszahlungen an die Vermittlungsagenturen. Vor allem wollen wir aber eigentlich eine grundlegende Änderung der Arbeit in diesem Bereich. Es braucht zumindest eine Form der Anstellung für 24h-Personenbetreuer*innen, die Zugang zu Arbeitslosengeld und allen anderen Arbeitnehmer*innenrechten bietet.

Die Gruppe Drept pentru îngrijire vernetzt sich über Facebook.

Das Manifest der 24h-Betreuer*innen steht hier in den Sprachen, Rumänisch, Slowakisch, Ungarisch, Deutsch und Englisch zur Verfügung.

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  1. Pingback: Corona in den Schlachthöfen – Solidarisch gegen Corona

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