„Essen von McDonald’s zu liefern ist gesellschaftlich nicht unbedingt notwendig.“ – In Marseille beschlagnahmen Beschäftigte ihre McDonald’s-Filiale für die Versorgung der Nachbarschaft

Beschäftigte einer McDonald’s Filiale in Marseille haben ihr Restaurant auf eigene Faust in eine Verteilstation für Lebensmittelpakete umgewandelt. Diese werden an Einwohner*innen der nördlichen Stadtteile Marseilles verteilt, die seit Beginn der Ausgangssperre noch stärker von Armut betroffen sind. Das Unternehmen, das zurzeit viele Filialen ungeachtet des Risikos für die Beschäftigten wieder aufmacht, versucht, die Aktion zu verhindern.

Es hat nur sehr kurze Zeit gedauert, bis die Covid-19-Pandemie sich von einer Gesundheitskrise zu einer massiven sozialen und wirtschaftlichen Krise ausgeweitet hat. Der Lockdown verlangsamt zwar die Ausbreitung der tödlichen Krankheit, er raubt aber gleichzeitig vielen die Existenzgrundlage. Die Folgen treffen besonders die ärmeren Teile des globalen Proletariats schon jetzt mit großer Wucht. In den USA haben Millionen ihr Einkommen verloren, nur 69% der Mieten wurden dort zum 1. April bezahlt, Luftaufnahmen zeigen kilometerlange Staus vor den Lebensmittelausgaben. Auch in Europa ist die Verelendung in vollem Gange. Aus Süditalien erreichten uns schon Ende März Berichte über Hunger, Raubüberfälle und Plünderungen von Supermärkten. Ähnliche Zustände herrschen nun auch in einigen Arbeitervierteln von Marseille. Der von uns übersetzte Artikel von Mateo Falcone bietet dazu einige Eindrücke. Er erschien zuerst am 9. April auf „Révolution Permanente“.

Der Artikel offenbart einerseits eine staatliche Politik der Vernachlässigung, die bestimmte „entbehrliche“ Menschengruppen einfach dem Siechtum und dem Hungertod überlässt. Weite Teile der Weltbevölkerung sind aus der Perspektive der Kapitalverwertung schon lange überflüssig. Ihr Tod durch die Folgen des Klimawandels (Dürre, Überschwemmungen, Hitzewellen etc.) wird von den kapitalistischen Regierungen gleichgültig in Kauf genommen, die seit Jahrzehnten auf business as usual setzen.
Dieses System der Triage kommt nun auch in den Zentren zur Anwendung. Unmittelbar in den maroden Krankenhäusern, wo keine medizinischen Ressourcen mehr für unproduktive Alte und Kranke eingesetzt werden. Indirekt aber auch in den Lagern, Verwahranstalten und Elendsquartieren, wo der Staat sich nicht zuständig fühlt, wenn Menschen verhungern oder erkranken.

Auch wenn der deutsche Staat Verwerfungen in diesem Ausmaß derzeit für „seine“ Bevölkerung noch abfedert, haben viele Lohnabhängige rund um den Globus von ihren Staaten vor allem Repression zu erwarten. In dieser Situation kommt es weltweit zu einer Welle proletarischer Selbstorganisierung, sei es in wilden Streiks in den Fabriken und Callcentern, in der Nachbarschaftshilfe oder in Mietstreiks.
Auch die Besetzung des McDonald’s in Marseille ist in diesem breiteren Zusammenhang zu verstehen. Wie Médiapart am 11. April berichtete, war die Filiale kein unbeschriebenes Blatt. Das Management lieferte sich seit längerem Auseinandersetzungen mit der kämpferischen, anscheinend gut organisierten 60-Köpfigen Belegschaft und schloss die Filiale im Dezember 2019, nach Zahlung von individuellen Abfindungen in Höhe von insgesamt über zwei Millionen Euro. Nun sind einige der Angestellten für eine Zweckentfremdung zurückgekehrt.

Aktionen, wie die in Marseille sind mehrdeutig, weil sie Gefahr laufen, lediglich die Versorgungslücken auszufüllen, die der Staat durch seinen Rückzug sehenden Auges erzeugt hat. Auch die beteiligten Initiativen sind genervt davon, dass die Behörden ihnen stillschweigend die unbezahlte Arbeit zuschieben und sich selbst aus der Verantwortung ziehen.
Die Ausnutzung des Altruismus und Opferbereitschaft. besonders von Frauen in der privaten Pflege von Angehörigen etc., kann eine Art des Outsourcings von öffentlichen Aufgaben sein. Gleichzeitig ist die autonome Umfunktionierung eines Fastfood-Lokals eine radikale, praktische Infragestellung des Privateigentums an den Produktionsmitteln und der hierarchischen Arbeitsteilung. Wer bestimmt, für was Gebäude und Technologie genutzt werden? Das Management oder ArbeiterInnen und die Nachbarschaft? Wofür soll produziert werden? Für Profite, oder für die Bedürfnisbefriedigung Aller? Diese kollektive Politisierung der Arbeit und des Eigentums ermöglicht wichtige Erfahrungen einer wirklichen demokratischen Selbstbestimmung des Gemeinwesens, die über den unmittelbaren Notcharakter der Maßnahmen hinausweisen.

***

Die Bevölkerung der nördlichen Stadtteile Marseilles, die schon im Normalfall in äußerst prekären Verhältnisse leben, rutschen seit Beginn der Gesundheitskrise noch tiefer ins Elend. In diesen Bezirken sind 25,5 % der Bevölkerung Arbeitslos (im Vergleich zu 8,5 % im nationalen Durchschnitt), und 39 % der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze.

Die Verordnung der Ausgangssperre führte zu einer Welle von Kündigungen sowie zur Einstellung der Lohnzahlung für alle informell Beschäftigten, womit sich für viele die ohnehin prekäre Lage nochmal verstärkt hat. Für einen zunehmenden Anteil der Bevölkerung dieser Stadtteile bedeutet das bereits jetzt, für Grundbedürfnisse wie Nahrung nicht mehr aufkommen zu können. Das berichtet auch Nair Abdallah, Mitglied des Kollektivs Maison-Blanche: „Am Anfang haben wir die Ausgangssperre beachtet, wir sind in den ersten vier, fünf Tagen zu Hause geblieben, aber als die Ausgangssperre verlängert wurde, habe wir entschieden, unsere Unterstützungsarbeit in den Stadtteilen wieder aufzunehmen. Und da haben uns die Familien erzählt, dass sie nichts mehr essen. Zum Beispiel hat uns eine Mutter erzählt, dass sie und ihre drei Kinder seit über drei Tagen nur noch Zwiebelsuppe essen.“

Viele Stadtteilinitiativen und Kollektive haben also angefangen, Lebensmittelpakete an die zu verteilen, die besonders in Not waren. Jeden Tag bitten mehr Menschen um ihre Unterstützung: Verteilte das Kollektiv Maison-Blanche im 14. Bezirk letzte Woche 50 solcher Pakete, so sind es diese Woche schon fast 400. Sozialarbeiterinnen aus anderen Stadtteilen haben mittlerweile sogar begonnen, Menschen aus ihren Vierteln zu diesen Essensausgaben zu schicken. Dank ihrer Mobilisierung konnten diese Kollektive den Bedarf an Lebensmittelpaketen bisher noch decken. [Anm. der Redaktion: Am Folgetag berichtete die Gruppe allerdings auf Facebook, dass bereits um 6 Uhr morgens Menschen Schlange standen und alle 400 Pakete um 12.30 Uhr verteilt waren, so dass manche leer ausgingen. Der Grund ist, dass inzwischen Menschen aus ganz Marseille kommen, um Lebensmittel zu erhalten.] Angesichts dieses Andrangs, und mit der Unterstützung vieler Kollektive und Stadtteilinitiativen, haben sich Beschäftigte einer McDonald’s-Filiale im Viertel Saint-Bartélemy dazu entschlossen, auf eigene Faust das Restaurant umzufunktionieren, um zu einer Lösung dieser Krise beizutragen. Lebensmittel, die von Geschäften, Anwohnern oder der Tafel gespendet werden, werden hier in den Kühlräumen gelagert und die Räumlichkeiten für die Zusammenstellung der Pakete und ihre Verteilung an die unterschiedlichen Kollektive genutzt. Hier können Hygienemaßnahmen (Masken, Handschuhe, Desinfizierung der Produkte) leichter eingehalten werden.

Kamel Guémari, der in der Gewerkschaft FO organisiert ist und bereits zuvor im Kampf gegen die Leitung von McDonald’s aktiv war, kommentiert den Entschluss: „Wenn wir im jetzigen Ausnahmezustand nicht selbst für unsere Stadtteile aktiv werden, wer wird es sonst tun?“ Das Unternehmen ist gegen die Aktion und verurteilt sie. Der Anwalt der Beschäftigten der Filiale, Ralph Blindauer, erzählte der Lokalzeitung La Marseillaise: „Wir hätten es gern mit Zustimmung von McDonald’s France gemacht, aber sie haben es grundsätzlich abgelehnt, vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung der Vergangenheit“. „In ihnen ist offenbar kein Rest Menschlichkeit, fährt er fort, daher haben die Arbeiterinnen entschieden, es einfach zu machen.“ Die Geschäftsführung von McDonald’s France stellt sich also in der jetzigen Krise einer Initiative entgegen, die nach Möglichkeiten und Hilfe für die am meisten Benachteiligten sucht, und die Arbeiterinnen der Filiale in Saint-Bartélemy können sich nur auf sich selbst verlassen, um die dramatische Lage vieler Einwohnerinnen in Marseille zu beheben.

Tatsächlich ist Menschlichkeit nicht das, was das Unternehmen auszeichnet. McDonald’s France erklärte vor einer Woche, den Betrieb in den Drive-Filialen und im Lieferservice wieder aufzunehmen, ohne Rücksicht auf das gesundheitliche Risiko für die Beschäftigten.
Auch wenn die Rückkehr zur Arbeit für die Beschäftigten auf Freiwilligkeit beruht, weist Massamba Dramé von der Pariser Sektion Hotel- und Gastronomiebetriebe der Gewerkschaft SUD darauf hin, dass „die Beschäftigten der Leitung auffallen und Konsequenzen riskieren, wenn sie sich gegen die Wiederaufnahme der Arbeit entscheiden“. Tatsächlich ist das Unternehmen für Repression gegen eigensinnige Beschäftige bekannt. Letztes Jahr wurde der Fall einer anderen Marseiller Filiale öffentlich, wo 25 000€ für eine Falschaussage bezahlt wurden, die es ermöglichte, den Gewerkschafter Kamel Guémari zu kündigen.

Was die Wiederaufnahme der Arbeit in den Filialen betrifft, auf die gerade gedrängt wird, erklärt Massamba Dramé: „Die Küchen sind sehr eng, in diesem Kontext wird es schwierig, die Schutz- und Distanzierungsmaßnahmen einzuhalten. Und dann ist da die Frage der Masken, denn eigentlich sollte das Pflegepersonal bei der Verteilung Priorität haben, wo ja ein schlimmer Mangel herrscht“. Zumal, wie der Gewerkschafter betont, „Essen von McDonald’s zu liefern, gesellschaftlich nicht unbedingt notwendig ist.“ Burger zu verkaufen, um McDonald’s Profite zu bescheren ist nicht notwendig, wogegen die Verwendung solcher Gastro-Infrastrukturen, um den Bedürftigsten zu helfen, wie es die Arbeiterinnen in Saint-Bartélemy gemacht haben, eine konkrete Antwort auf die gesundheitliche und ökonomische Krise darstellt. Während die Regierung uns durch ihren katastrophalen Umgang mit der Krise in eine Tragödie mit erschütternden Opferzahlen führt, während Arbeitgeber den Einzelhandel wieder eröffnen und ungeachtet des gesundheitlichen Risikos für Tausende von Beschäftigten die Produktion in nicht notwendigen Bereichen wieder starten wollen, haben die Arbeiterinnen dieses McDonald‘s in Marseille sich ihre Arbeitsmittel wieder angeeignet und sie in den Dienst der Bewältigung der Krise gestellt. Sie sind am besten in der Lage, die Versorgung neu zu organisieren, und zwar nicht im Dienste der Profite der Arbeitgeber, sondern um mit der aktuellen Krise fertig zu werden.

Mateo Falcone, 9. April 2020.

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