Guayaquil, ‚Kolonial‘-Virus

Auf den Wegen liegen Leichen – sterbende Körper, die auf den Straßen ihrem Schicksal überlassen werden… Dies ist eine der Folgen der Ankunft von COVID-19 in Guayaquil. Wir analysieren den kolonialistischen Hintergrund der humanitären Katastrophe, die sich in der ecuadorianischen Stadt abspielt.

Dieser Text von Mafe Moscoso Rosero über die Folgen der Pandemie in Ecuador wurde zuerst am 4. April 2020 auf dem spanischen Philosophieblog El rumor de las multitudes veröffentlicht.

Wir haben uns für eine Übersetzung entschieden, weil die Berichterstattung in Deutschland sich stark auf die Situation in Europa und Nordamerika konzentriert. Dabei ist davon auszugehen, dass die Pandemie in den Ländern des Globalen Südens noch weitaus verheerendere Wirkungen zeitigen wird. Unter anderem, weil die Gesundheitssysteme kaum Intensivkapazitäten haben, weil medizinische Güter von Industrieländern aufgekauft werden und weil Pandemien hier in der Vergangenheit besonders tödlich verlaufen sind, da erschwerende Bedingungen wie Mangelernährung bereits vor dem Ausbruch verbreitet waren.

Der Virus verbreitet sich nicht von selbst, sondern auf den Wegen der Menschen. Der vorliegende Text zeigt, dass wir in der Nachverfolgung der Ausbreitung viel über die Verflechtungen und Hierarchien der Weltgesellschaft lernen können, die die Wege der Menschen vorzeichnen. Ecuador ist vor allem deshalb zu einem Hotspot von Covid-19 in Lateinamerika geworden, weil die Beziehungen zur alten Kolonialmacht Spanien durch die Arbeitsmigration weiblicher Pflegekräfte in die Metropole nach wie vor besonders eng sind. Die Sichtbarwerdung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung in der Pandemie, mitsamt ihren grenzüberspannenden und geschlechtsspezifischen Dimensionen beschäftigt uns auf dem Blog immer wieder, z.B. hier.

Ein anderer Weg der Ausbreitung ist der Tourismus, die Überquerung des Atlantiks zu Vergnügungszwecken. In diesem Falle von Italien nach Ecuador. Der Grad der gegenwärtigen Globalisierung und die Geschwindigkeit der Zirkulation von Waren und Menschen ist daran abzulesen, dass es vom Ausbruch der Krankheit in China bis zur Pandemie nur weniger Monate bedurfte.

Schließlich geht Mafe Moscoso Rosero der Frage nach, was die veränderte Weise des Sterbens in der Pandemie „mit uns macht“. Was bedeutet es für uns als Einzelne und als Gemeinschaften, wenn die Toten in Massengräbern verschwinden, wenn die Angehörigen keinen Abschied nehmen dürfen, wenn es keine Begräbniszeremonie gibt?

Wir danken der Autorin und der Redaktion von El rumor de las multitudes für die Erlaubnis zur Veröffentlichung und Virginia Kimey Pflücke für ihre Übersetzung.

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Guayaquil, ‚Kolonial‘-Virus

Auf den Wegen liegen Leichen – sterbende Körper, die auf den Straßen ihrem Schicksal überlassen werden… Dies ist eine der Folgen der Ankunft von COVID-19 in Guayaquil. Wir analysieren den kolonialistischen Hintergrund der humanitären Katastrophe, die sich in der ecuadorianischen Stadt abspielt.

ALERTA 14.1 Ich komme aus Quito, aber meine Großeltern Raúl und Eugenia lebten in Guayaquil. Als Kind verbrachte ich mehrere Sommer bei ihnen, wir gingen Hand in Hand durch eine chaotische, feucht-heiße Stadt, wo ich lernte, Reis mit Linsen, Spiegeleiern und frittierten Bananen zu essen und zusammen mit Raúl die Comedyshow „Tres Patines y la tremenda Corte“2 im Fernsehen anzuschauen. Heute schmerzt mich die ferne Erinnerung an die Straßen, durch die wir so viele Male gegangen sind. Auf diesen Straßen ruhen jetzt Menschen, die aufgrund der gesundheitlichen Notlage durch COVID-19 starben, ohne medizinische Versorgung zu erhalten. Auf jenen Straßen wurden Dutzende von Leichen zurückgelassen, aber nicht vergessen. Wir werden es nie vergessen.

Im Januar landete ein Flug aus Madrid in Guayaquil. Auf diesem Flug befand sich die Patientin 0: eine 71-jährige Frau, die mit ihren beiden Kindern in Torrejón de Ardoz, einem Städtchen bei Madrid in Spanien lebte. Am 13. März starb die Frau und ein paar Tage später starb auch ihre Schwester. Inzwischen wissen wir, dass die Stadt in den vergangenen Stunden in den Ausnahmezustand verfallen ist, weil sie mehr Fälle und Todesfälle durch COVID-19 zu beklagen hat, als ganze Länder in Südamerika wie Peru, Argentinien, Kolumbien, Uruguay, Venezuela, Bolivien und Paraguay. Ecuador ist das drittkleinste Land Südamerikas. Hinsichtlich der Infektionen und Todesfälle rangiert es jedoch nach Brasilien an zweiter Stelle. Dies ist selbstredend kein Zufall. Es gibt mehrere Faktoren (zu den wichtigsten gehören das sehr schlechte staatliche Management der Pandemie, sowohl auf nationaler als auch auf lokaler Ebene), von denen ich besonders einen nennen möchte, der im Zusammenhang mit den Infektionsquellen steht.

In den späten 1990er Jahren, als Spanien seine Wirtschaftsblase bildete, brauchte der Arbeitsmarkt Frauen aus dem globalen Süden, die bereit waren, ihre Arbeitskraft für niedrige Löhne zu verkaufen. Damit spanische Frauen außer Haus arbeiten konnten, war es unerlässlich, dass Tausende von Frauen, vor allem aus Lateinamerika, die Aufgabe übernahmen, ihre Wohnungen zu putzen und zu pflegen. Die koloniale Politik der Länder des globalen Nordens (USA und Europa) auf unseren Territorien (Extraktivismus, Präsenz multinationaler Konzerne, Freihandelsabkommen, Programme der Entwicklungszusammenarbeit, Universitätslehrstühle usw.), deren Verwertungslogik von den lokalen, europäischstämmigen Eliten reproduziert wird, vertreibt seit Jahrzehnten Menschen aus ihren Ländern, ihren Landstrichen, ihren Familien. In den späten 1990er Jahren funktionierten die globalen Versorgungsketten so, dass Tausende ecuadorianischer Frauen nach Spanien reisten, wodurch wir zur größten migrantischen Gruppe des Landes wurden. Zu jener Zeit, als es in Spanien Arbeit gab, war der Markt dadurch gekennzeichnet, dass er stark ethnisch und geschlechtlich segregiert war: Frauen kamen und fanden Stellen, von denen nur wenige mit Anerkennung verbunden waren und die nicht ihrer Qualifikation, ihren Studien oder früheren Erfahrungen entsprachen. Ihre Arbeit, die unsichtbar ist und wenig wertgeschätzt wird, hat jahrelang die spanische Wirtschaft und seinerzeit auch die ecuadorianische Wirtschaft gestützt. Mit der Krise des neuen Jahrtausends kehrten viele Migrantinnen zurück, aber viele blieben auch.

Ich kenne die Patientin 0 nicht, ich kenne ihren Namen nicht, aber ich weiß, dass sie zu unserer Diaspora-Gemeinschaft gehörte, und sehr wahrscheinlich Teil des Kollektivs war, dessen Arbeit das spanische Wirtschaftssystem in den letzten Jahrzehnten trug. Dieses Kollektiv war inmitten der verheerenden Katastrophe, die sich in Spanien abspielt, wieder einmal von der Hilfspolitik der spanischen Regierung ausgeschlossen.

Die Patientin 0 reiste im Januar 2020 nach Ecuador, wie ich auch, weil es eine gute Zeit ist: Man kann die Feiertage nutzen und dem kalten europäischen Winter entfliehen. Sie „ging fort, um zurückzukehren“ (ein Ausdruck, den wir in der Andenregion Ecuadors verwenden), doch sie kehrte leider nie zurück. Genau wie sie reisten Hunderte von uns Ecuadorianern, die in Spanien leben, nach Ecuador und waren möglicherweise und ohne es zu wissen ebenfalls Träger des Virus.

Tage später, als der Alarm ausgelöst wurde, fand in Guayaquil eine große Hochzeit statt. Die Quarantäne überging man dabei, weil die Zugehörigkeit zur Oberschicht es einem erlaubt, die Regeln zu brechen, sogar die der Sorge um das Leben der „anderen“, sodass das alles wie ein großer Spaß aussieht. Die Oligarchie hat sich immer erlaubt, gleichgültig gegenüber dem Leiden anderer zu sein, das schließlich auf grausame Weise naturalisiert wird. Das Land ist ihr Lehnsgut, sie sind seit Jahrhunderten die Besitzer der Haciendas und Kakaoplantagen. Diese Hochzeit wurde stilvoll gefeiert und von den Medien viel weniger beachtet als der Verlauf der Patientin 0. Offenbar nahmen der Bürgermeister von Guayaquil, die Miss Ecuador (ja, die gibt es tatsächlich noch!) und andere wichtige Persönlichkeiten der Stadt teil. Auch Gäste aus Italien kamen zu den Feierlichkeiten, obwohl sie wussten, dass COVID-19 dort bereits Tausende von Menschen infiziert hatte. Aber das spielte keine Rolle… Wichtig war das pompöse heteronormative Ritual der Formalisierung der Familie, der Ringe, des Privateigentums, mitsamt dem Dinner, dem weißen Kleid, der Braut und dem Bräutigam, dem Luxus, dem Whiskey, dem Essen. Alles, was schön, weiß, romantisch, teuer, cool und tadellos ist. Und damit alles schön, weiß, romantisch, teuer, cool und tadellos sein konnte, brauchte es Menschen, die die unsichtbare Arbeit übernahmen, die einmal mehr die Party am Laufen halten sollten. Wie es scheint, war die Zahl der Infektionen bei dieser Hochzeit sehr hoch und sie schloss die Bediensteten mit ein. Höchstwahrscheinlich ist dieses Fest der zweite Infektionsherd in Guayaquil.

Der Zusammenhang zwischen der Ausbreitung des Virus, der Zahl der Ausgestoßenen, die nach Hause zurückkehren, um sich zu erholen und ihre Familien zu besuchen, die sie unter anderem verlassen mussten aufgrund der Ausweitung der Kolonialpolitik des Norden im globalen Süden, und ihrer Aufrechterhaltung durch die Kazike-Logik3, die sich auf unseren Territorien reproduziert, ist offensichtlich. Das Resultat ist eine Stadt, die sich in ein Feld voller Leichen verwandelt, die bald Tausende sein werden und die nicht begraben werden können.

Die Trauerarbeit ist ein kollektives Ritual, dessen Funktion darin besteht, den Tod der uns Nahestehenden weise zu verarbeiten. Trauer erlaubt den Übergang, die Reise. Wenn der Leichnam jedoch nicht Gegenstand eines Rituals sein kann – wie dies seit Jahren bei den Geflüchteten der Fall ist, die aufgrund der europäischen Migrationspolitik im Mittelmeerraum getötet werden – gibt es keine Möglichkeit der Trauerarbeit, und ohne Trauerarbeit können weder die Toten noch die Gemeinschaft den Übergang, d.h. die Veränderung, vollziehen. Alle Wesen, menschliche und nichtmenschliche, die wir am Leben sind, die wir einen Geist haben, haben ein würdiges Lebens, einen würdigen Tod und eine würdige Trauer verdient. In Guayaquil gibt es und wird es Hunderte von Verlusten zu beklagen geben. Und doch wurde die Möglichkeit kollektiver Rituale gestrichen, weil die Leichen zu leblosen Behältern geworden sind, für deren Beherbergung es keinen Platz mehr gibt, aufgrund der Ineffizienz eines Staates in einem kolonialen System, das die Körper in eine Hierarchie einordnet, selbst wenn sie aufgehört haben zu atmen.

Angesichts dieser Situation fordern mehrere Organisationen mitten in der Ausgangssperre das Recht auf eine würdige Bestattung; sie fordern, dass der ecuadorianische Staat in der gegenwärtigen COVID-19-Pandemie ein Mindestmaß der Nekro-Ethik bewahrt. Die Forderungen beziehen sich auf Maßnahmen, die zumindest den Tod schützen sollen, wenn sie schon nicht in der Lage sind, das Leben zu schützen.

Vielleicht erfordern die Zeiten der kolonialen Verwerfungen, die wir durchleben, eine neue Dringlichkeit, dass wir uns nicht nur geistig, politisch und epistemisch in die Lage begeben, danach zu fragen, wie wir leben wollen, sondern dass wir uns individuell und kollektiv abverlangen zu lernen, den Tod zu erleben und das Recht auf einen guten Tod einzufordern. Das heißt, dass wir lernen mit dem Verlust zu leben, also mit unseren Toten und mit unseren Lebenden zu leben. Das Recht auf den Beginn und das Ende des Lebens. Das Recht, sie zu verabschieden und uns zu verabschieden, mit anderen Worten, das Recht auf Erinnerung.

Wenn Trauerrituale Dispositive des Erinnerns und Gedenkens aktivieren, verstehen wir, dass dort, wo es Erinnerungen gibt, immer die kleine Möglichkeit auf eine Erneuerung des Lebens bestehen bleibt. Erinnerungen an Migration, Erinnerungen an Sorge und Zuwendung, Erinnerungen an Leben und Tod. Blumen, die vielleicht eines Tages wilde Gärten sein werden. Gärten, die bewohnt werden von den Lebenden – und von den Toten auch.

Mafe Moscoso Rosero

1 Unter dem Slogan „Alerta“ veröffentlicht ein Bündnis verschiedener Organisationen in Ecuador Informationen, Analysen und Aufrufe zu akuten Menschrechtsverletzungen. Siehe: https://ddhhecuador.org/ Der Text zu Guayaquil ist die 14. Warnung – Alerta 14 – des Bündnisses, veröffentlicht am 4. April 2020.

2 Ein Remake der international bekannten, gleichnamigen Comedy-Sendung aus Kuba, die in den 1940ern bis 1960ern in vielen lateinamerikanischen Ländern im Fernsehen lief.

3 Kazike – der Begriff leitet sich ab von „kassequa“, was „Anführer“ bedeutet in der Sprache der karibischen Taíno-Indigenen. Es wurde von Cristoph Kolumbus übernommen und bezeichnet seither ein von der Kolonialmacht anerkanntes System von Landbesitz und Herrschaft unter mittel- und südamerikanischen Indigenen.

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Adressen zur Information und Unterstützung. Spenden sind willkommen.

In Ecuador:

1. ASOCIACIÓN MUJER & MUJER, Guayaquil

Pacífico Bank
Kontonummer: 752489-7
SWIFT-Code: PACIECEG

2. UNION NACIONAL DE TRABAJADORAS DEL HOGAR, Guayaquil

Ana María Morales: anamoralest@gmail.com
Kruskaya Hidalgo: sonokrus@gmail.com

3. Coordinadora de Organizaciones Sociales del Guayas (COSG)

In Spanien:

1. ANTIRASSISTISCHES SOLIDARNETZWERK, Barcelona

PAYPAL: paypal.me/RedAntirracistaCuida
Kontonummer: ES61 1465 0120 31 1709799308

2. Widerstandsfond für migrantische Hausangestellte und Pflegekräfte.

Twitter: @MujeresMigrante
#cuidaaquientecuida

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