Psychoanalyse des Coronavirus: Was unserer Seele unter einer tödlichen Bedrohung widerfährt

Wir haben den Artikel „Psychoanalyzing the Coronavirus: This Is What Happens to Our Mind Under a Mortal Threat“ der israelischen Psychoanalytikerin Merav Roth übersetzt, den wir hier dokumentieren. Sie beschreibt darin aus kleinianischer Perspektive, zwischen welchen psychischen Positionen sich Menschen grundsätzlich bewegen, welche Reaktionen auf die Pandemie beobachtbar sind oder denkbar wären. Sie sieht in der Corona-Krise eine Verkörperung des Phänomens des „Unheimlichen“ und richtet ihren Blick auf die Bedeutung der Vergangenheit

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Am Montag endete meine zweiwöchige Hausquarantäne, nachdem ich von einem kurzen Seminar zurückgekehrt war, das ich am Psychoanalytischen Institut in Berlin gegeben hatte. Als Kind der zweiten Generation von Holocaust-Überlebenden kommen mir Assoziationen mit schwarzem Humor in den Sinn – es stellte sich heraus, dass meine Reise nach Deutschland dazu führen würde, dass ich in einem „Ghetto“ festsitze. Das ist kein Witz. Vielmehr ist es eine Verfolgungsphantasie, die aus den Tiefen des Unbewussten auftaucht und einen Strom von Gedanken darüber auslöst, was das Schicksal der menschlichen Seele wird, wenn sie unter tödlicher Bedrohung steht.

Die Coronavirus-Krise wird als radikaler Gefahrenzustand erlebt, nicht nur, weil sie eine tödliche Bedrohung darstellt, sondern zu einem großen Teil auch, weil die Bedrohung hinsichtlich ihres Umfangs, ihrer Dauer, ihrer Angriffsmethoden und ihrer Verteidigungsmittel nicht definiert ist. Dies ist für uns die bedrohlichste Kombination – eine äußere Gefahr, deren Form nicht klar umrissen ist und die inneren Szenarien Platz macht. Unsere inneren Dämonen werden immer größer und furchterregender sein als die äußere Realität. In uns haben sie keine festen Grenzen und keine sinnvolle Logik oder Sprache, an der wir uns festhalten können.

Angesichts dieser Bedrohung sind zwei Arten von Reaktionen denkbar. Die eine lehnt die Realität ab, die zweite akzeptiert sie und „arbeitet mit ihr“. Wir alle schwanken im Laufe unseres Lebens zwischen beiden. In der primitiveren Position, die ich als „Realitätsverweigerungsposition“ bezeichne (und die die Psychoanalytikerin Melanie Klein als „paranoid-schizoide Position“ bezeichnet hat), reagiert der Verstand mit Verleugnung und Allmachtsgefühlen einerseits und Panik, Übertreibung und Hilflosigkeit andererseits.

Die allmächtige Reaktion wird versuchen, durch intensive Überforderung unserer Fähigkeiten Schmerzen und Ängste zu vermeiden. Oft wird dies mit Verachtung, Vorsicht, Wut, Leugnung der Bedeutung von Richtlinien und der Tragweite des jetzigen Moments, sowie der Weigerung, Anweisungen zu befolgen, einhergehen. Es wird Figuren geben, die zu einem Ideal und zu „Rettern“ erklärt werden, aber auch sie sind von der radikalen Spaltung gefärbt, die diese emotionale Verteidigung als Mittel zur Ordnung und Logik der Welt kennzeichnet. Eine andere Art der „Realitätsverweigerung“ aktiviert einen infantilen Terror der Panik und Hilflosigkeit, als ob man zu seiner inneren Mutter sagen würde: „Hört, wie sehr ich weine! Das bedeutet, dass du mich jetzt sofort aus dieser Notlage retten musst!“

Die zweite Position (was Klein die „depressive Position“ nannte) ist das, was ich „Akzeptanz der Realität“ nenne. Von dieser Position aus erkennt man die Gefahren der Realität und unsere Verwundbarkeit ihnen gegenüber, aber man ist auch durch die innere Instanz verankert, die mit ihnen umgehen kann. Diese Position ist in ihrer Bereitschaft, die verschiedenen Aspekte der Realität mit Offenheit und Bescheidenheit anzuerkennen und Verantwortung zu übernehmen, weiter entwickelt. Diese nüchterne Sichtweise wird von Angst und Schmerz begleitet, aber auch von der Erkenntnis, dass dies ein Moment ist, in dem man sich im ruhigen Auge des Sturms versammeln kann und nicht den Kopf im Wirbelsturm verliert, den dieser erzeugt. Dies ist eine Position, die mit Hingabe akzeptiert, dass wir nur das Bestmögliche tun können, und Trost in der Vorstellung findet, dass dieses Bestreben immer Wege des Ausdrucks finden wird.

Die Coronavirus-Krise ist die Verkörperung des Phänomens, das Freud „das Unheimliche“ genannt hat. In diesem Zustand wird der Mensch aus seinem Gefühl, zu Hause zu sein, Herr seines Schicksals zu sein, herausgerissen. Freud verweist auf das ergreifende Beispiel eines nächtlichen Moments im Zug, in dem er einen unbekannten alten Mann irrtümlich in sein Abteil einsteigen sieht, nur um zu erkennen, dass er sein eigenes Spiegelbild im Spiegel des kleinen Badezimmers sieht, dessen Tür sich durch die ruckartige Bewegung des Zuges geöffnet hat. Er beschreibt die Fremdheit des alten Gesichts im Spiegel als „unheimlichen“ Moment – in dem die Falten des Alters, die auf den bevorstehenden Tod hindeuten, die Fäden der Illusion, aus denen das Gefühl der Unsterblichkeit des Selbst gewebt ist, auflösen. Das Coronavirus ist sicherlich ein großer Ruck für unseren Zugwaggon. Das Vertraute und Sichere ist ungewohnt und bedrohlich geworden. Die physische Stabilität wird heftig in Frage gestellt. Das Zusammenkommen mit den uns nahestehenden Menschen wird als gefährlich definiert. Das Leben, wie wir es zu kennen und zu verstehen glaubten, hat sich von uns abgewandt, und nichts darf mehr als selbstverständlich angesehen werden.

Aber „das Unheimliche“ ist auch eine Chance. Unsere festen Standpunkte, unser illusorisches Wissen, die geheimen Absprachen, die wir mit dem Leben getroffen haben – all das bricht und öffnet sich daher einer erneuten Betrachtung.

Der Psychoanalytiker Donald Winnicott beobachtete, dass die Angst vor der Zukunft immer in den Farben der Vergangenheit skizziert wird. Wir fürchten das, was bereits geschehen ist. Kein Wunder, dass sich das Wort „History“ aus den Worten „His-Story“ zusammensetzt. Das mag aus einer Geschlechterperspektive beunruhigend sein, aber es ist immer noch ein treffendes Beispiel für die Art und Weise, wie wir mit der Vergangenheit umgehen. Da Geschichte eine Sammlung von Geschichten ist, werden auch unsere wechselnden Antworten von diesen Geschichten geprägt. Heutzutage schwanken die meisten von uns zwischen Gefühlen der Hoffnung und Verzweiflung, der Zuversicht und der Angst hin und her. Wir erleben diese Schwankungen, weil beide Seiten gleichermaßen gültig und ungültig sind, da wir nicht wissen, was das Morgen bringen wird.

Da dies unerträglich ist, blättern wir durch die Möglichkeiten in unserem inneren Fotoalbum und kleben klare Bilder aus der Vergangenheit an die Wand der Zukunft, die noch in Dunst gehüllt ist. Auf der Suche nach einer Einschätzung der gegenwärtigen Realität erinnert sich nun jeder von uns an vergangene Weltkatastrophen. Die traumatischen Erinnerungen werden wieder geweckt und überschwemmen die Seele mit mächtiger Angst. Aber auch positive Erinnerungen tauchen auf und stellen sich uns zur Verfügung: Figuren, die uns gelehrt haben, was Widerstandsfähigkeit ist, schwierige Zeiten, die in einem Neuanfang gipfelten. Psychologische Werte wie Großzügigkeit, Mäßigung, Stressverträglichkeit, Dankbarkeit für das, was man hat, und die Fähigkeit, anderen zu helfen – all das hat heute einen besonderen Nutzen.

Es ist hilfreich, sich daran zu erinnern, dass die Natur (und dazu gehört auch die menschliche Natur) immer zwischen den Kräften der Zerstörung und des Aufbaus schwankt, und dass wir angesichts der Zerstörung (und sogar angesichts der Aussicht auf den Tod – das einzige Versprechen, das uns bei der Geburt gegeben wurde) immer Angst haben, bis die gesegnete Routine dank der Verdrängung zurückkehrt. So war es immer und so wird es immer sein.

Es kann eine große Hilfe sein, angesichts der Realität proaktiv zu handeln. Menschen, die eine Rolle für sich selbst und irgendeine Art von Verantwortung finden, die sie in dieser Zeit übernehmen können, oder die ihren Kummer und ihre Angst in die Schaffung von etwas Neuem umwandeln, werden feststellen, dass dies ein bedeutendes Gegengewicht zu dem Mangel an Kontrolle darstellt, den wir alle im Moment spüren. Es liegt auf der Hand, dass das Schreiben dieser Zeilen dem gleichen Zweck dient.

Schließlich sollte man nicht vergessen, dass in jedem beliebigen Moment (selbst in den schwierigsten) im Leben eines Menschen viel weniger passiert als in den Medien (Gerüchteküchen, Nachrichtenseiten, Soziale Medien) und auch viel weniger als in unseren internen Medien (tiefe Ängste, traumatische Erinnerungen, imaginäre apokalyptische Gerüchte über das Ende der Welt). Zu jedem Zeitpunkt stellt sich die Frage, mit welchen Positionen und mit welchem Verstand wir der Realität begegnen wollen. In diesem Sinne stehen uns immer verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung und auch eine gewisse Kontrolle, selbst wenn wir uns der fremdesten und bedrohlichsten Realität stellen.

Dr. Merav Roth ist Psychoanalytikerin, Leiterin des Psychotherapie-Programms an der Universität Tel Aviv und Autorin.

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