Situation in Geflüchtetenlagern in der Schweiz

Dokumentation über die Schutzmaßnahmen gegen Corona in Geflüchtetenlagern in der Schweiz

Mit der Ausbreitung des Corona-Virus sind Geflüchtete, die in Lagern leben müssen, aufgrund der dortigen Wohnverhältnisse einem erhöhten Ansteckungs- und Gesundheitsrisiko ausgesetzt. Sicherheitsvorkehrungen, wie räumliche Trennungen, können nicht eingehalten werden und der Zugang zu medizinischer Versorgung ist extrem erschwert. Hinzu kommt, dass BewohnerInnen der Lager oft kaum Informationen zum Umgang mit dem Coronavirus erhalten.

Die migrantische Selbstorganisation ROTA hat mit BewohnerInnen aus 20 verschiedenen Lagern in der Schweiz über die Auswirkungen des Corona-Virus‘ auf ihre Lebenslagen gesprochen. Die Ergebnisse und daraus resultierende Forderungen der Geflüchteten haben sie in einer Reportage zusammengefasst und auf ihrer Facebookseite veröffentlicht. Wir dokumentieren im Folgenden diese Reportage.

Eines der Interviews wurde außerdem bei revoltmag veröffentlicht.

~~~

Während sich das Coronavirus weltweit ausbreitet, herrscht insbesondere in Europa ein grundlegender Informationsmangel über die Situation von Geflüchteten vor, die in Lagern leben oder an Grenzen festgehalten werden. Wir wollen der Öffentlichkeit einen Einblick in die Situation der Geflüchteten in der Schweiz geben.

Der Corona-Virus breitet sich rapide aus und viele Schweizer*innen machen sich große Sorgen um ihre gesundheitlichen, materiellen und immateriellen Rechte. Was aber denken Menschen, die in Lagern mit durchschnittlich 50 Personen untergebracht sind und Toiletten, Bäder und Küchen gemeinschaftlich benutzen? Welche Sorgen machen sie sich?
Wir haben uns mit Geflüchteten über die Auswirkungen des Corona-Virus‘ auf ihre Lebenslagen unterhalten, da sie als letztes Glied der Gesellschaft oft als erste vernachlässigt werden.

Die Reportagen

Wir haben mit Menschen in 20 Geflüchtetenlagern in den Kantonen Zürich, Bern, Basel, Aargau, St. Gallen und Graubünden gesprochen. 16 davon Männer, vier Frauen. Zwei der interviewten Frauen sind chronisch krank (Epilepsie und Asthma). Das Durchschnittsalter beträgt 34 Jahre.

Fazit

1. In den Lagern, in denen die Interviewten leben, sind mindestens 15 und maximal 120 Geflüchtete untergebracht; die mathematische Durchschnittsgröße eines Lagers beträgt 50 Personen. Pro Zimmer sind mindestens eine, maximal 10 Personen untergebracht; der mathematische Durchschnitt sind vier Personen pro Zimmer. Obwohl die meisten Zimmer für zwei Personen ausgelegt ist, wurde uns berichtet, dass auch in kleinen Zimmern bis zu fünf Personen untergebracht werden.

2. In den Lagern wurden die Geflüchteten weder von Ärzten oder anderen gesundheitspolitisch Beauftragten, noch durch Übersetzer*innen:
– über die Entwicklungen der Corona-Pandemie in der Schweiz, über die getroffenen Massnahmen sowie über die juristischen und bürokratischen Prozeduren hinsichtlich der Asylprozesse informiert;
– hinreichend über die notwendigen Hygieneregeln hinsichtlich der Pandemie und Gesundheitsrechte informiert.
Die einzigen Massnahmen diesbezüglich bestanden darin, Informationsblätter in mehreren Sprachen zu den notwendigen Hygieneregeln auszuhängen.

Ausnahme: In zwei Lagern in St. Gallen (Landegg und Amden) wurden die Geflüchteten hinreichend über die notwendigen Massnahmen und Informationen in Kenntnis gesetzt.

Personen, die Covid-19 Symptome aufwiesen, wurden gar nicht oder erst sehr spät getestet; Testergebnisse wurden nicht auf Ebene der Bewohnerinnen kommuniziert; trotz positiver Testergebnisse bei einigen Bewohnerinnen wurde niemand über die getroffenen Massnahmen informiert; es wurden bei sonst niemandem Tests durchgeführt; es wurden keine Bedingungen für Quarantänefälle geschaffen.

Ausnahme: Im Lager Amden/ St. Gallen wurde ein gesondertes Quarantänezimmer eingerichtet, in das alle untergebracht werden, die Covid-19 Symptome aufweisen.

4. In keinem Lager wurden notwendige gesundheitliche Vorkehrungen vollumfänglich getroffen; es werden weder kostenlose Hygieneartikel noch kostenlose Verkehrsmöglichkeiten im Falle von Krankheit zur Verfügung gestellt. Küchen, Toiletten und Duschen (also die Gemeinschaftsräume) werden nicht genügend oft gereinigt; besonders hoch ist die Ansteckungsgefahr in den Küchen, da sie von den Bewohner*innen gleichzeitig genutzt werden müssen.
Hygieneartikel für Frauen wie Tampons oder Binden wurden weder vor noch während der derzeitigen Pandemie kostenlos zur Verfügung gestellt. (Der Preis dieser Artikel ist in der Schweiz sehr hoch.)

Die untere Tabelle zeigt, welche Hygieneartikel in welchen Lagern kostenlos zur Verfügung gestellt wurden und wo nicht.

5. Die einzige Maßnahme, die überall vollumfänglich eingeführt wurde, ist das absolute Besuchsverbot.

6. Die finanziellen Zuwendungen für tägliche, wöchentliche und monatliche
Aufwendungen wurden nicht nur nicht erhöht, sondern der Posten für die
Mobilitätskosten wurde sogar reduziert. Die Beträge reichen nicht zur Begleichung der steigenden Hygiene- und Gesundheitsausgaben, sie reichen nicht einmal für Verpflegung, geschweige denn für die zusätzlichen Nahrungsmittelkosten wie Vitaminpräparate, die angesichts der niedrigen Qualität der Nahrungsmittelversorgung derzeit angebracht sind. Die finanziellen Zuwendungen fallen weit hinter die eigentlich Bedürfnisse zurück.

7. Für Kinder wurden keine gesonderten gesundheitlichen Maßnahme vorgenommen. Die Kinder, die jetzt nicht mehr zur Schule gehen können, sind de facto in kleine Zimmer und Korridore eingesperrt. Es gibt keine Spielplätze und der Schulunterricht wurde unterbrochen; aufgrund der Beschäftigungslosigkeit sind die Kinder besorgt. Die verantwortlichen in der Verwaltung ergreifen keine Maßnahmen, um sich dieser Sorge der Kinder anzunehmen. Obwohl in weiten Teilen des Landes der Schulunterricht weitergeht, ist das für die Kinder in der Mehrheit der Lager nicht der Fall.

8. Die Maßnahmen der schweizerischen Regierung werden seitens der Geflüchteten als unzureichend empfunden. Es wird hervorgehoben, dass das Verwaltungspersonal seit der Verschärfung der Corona-Krise oft den Arbeitsplatz verlässt, den Kontakt mit den Geflüchteten meidet und die ihnen zugewiesenen Arbeiten nicht erledigt. Die Geflüchteten versuchen, durch Selbstisolation und individuelle Maßnahmen mit der Pandemie umzugehen.

9. Die Menschen in den Lagern bringen folgende Sorgen zur Sprache:
• vergessen und verlassen zu werden;
• die Angst, nicht genügend informiert zu sein und nicht genügend Zugriff auf Gesundheitsdienste zu haben;
• die Angst, dem Tode überlassen zu werden, falls die Gesundheitsdienste
aufgrund der Überlastung Präferenzen einführen müssen;
• dass sich die Situation verschlechtert und die Unsicherheit steigen wird;
• dass sich die Asylverfahren in die Länge ziehen und diese besondere Lage dazu genutzt werden wird, mehr Abschiebungen durchzuführen.

10. Folgende dringende Bedürfnisse der Geflüchteten werden nicht erfüllt:
• alle notwendigen Hygieneartikel: Masken, Handschuhe, Desinfektionsmittel, Seife, Toilettenpapier, Putzmittel;
• Vereinfachung des Zugangs zur medizinischen Versorgung für chronisch Kranke;
• genügend finanzielle Zuwendungen, um eine gesunde Ernährung und nötige Nahrungsergänzungsmittel zu gewährleisten;
• Spielplätze und Fernunterricht für Kinder;
• psychologische Unterstützung.

11. Folgende Maßnahmen sollten laut der Geflüchteten in den Lagern ergriffen werden:
• zu aller erst bessere und detailliertere Informationen;
• Einzelzimmer und separate Toilette und Duschen;
• Einführung eines Nutzungsplans mit Warteschlangen und eine regelmäßige Reinigung der Küchen;
• die regelmäßige Reinigung und Desinfektion der Lager;
• Informationen zu laufenden Asylprozessen;
• die Aufhebung der teilweise täglich mehrmals anstehenden Meldepflichten;
• die Möglichkeit, die Lager zu verlassen;
• die Verlagerung der Menschen im Sinne der Ermöglichung der Einhaltung der Schutzmaßnahmen, die vom Bundesrat beschlossen worden sind; primär von Familien mit Kindern, älteren Mitmenschen und chronisch Kranken in leerstehende Wohnungen im jeweiligen Kanton und die Befriedigung ihrer unmittelbaren Bedürfnisse.

ROTA – Migrantische Selbstorganisation (Facebookseite)

März 2020

2 Gedanken zu “Situation in Geflüchtetenlagern in der Schweiz

  1. Pingback: Medienspiegel 07. April 2020 – antira.org

  2. Pingback: antira-Wochenschau: Rassistischer Mord in Celle, staatlicher Aufruf zum Sterbenlassen, widerständige Hungerstreiks gegen Isolation – antira.org

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s