Leiharbeit im »Corona-Brutkasten«

Während bei verhängter Ausgangssperre in der COVID19-Pandemie das Leben abseits der Arbeit weitestgehend stillsteht, feiert das Kapital weiterhin ungehindert Corona-Parties, denn seine beständige Akkumulation ist in dieser Gesellschaft wichtiger als Menschenleben. Die Lohnabhängigen sollen, wenns ums Buckeln geht, alle Vorsichtsmaßnahmen in den Wind schlagen. Uns erreichten dazu Berichte von unhaltbaren Zuständen in einem Leipziger Callcenter. Wir führten ein Interview mit einem betroffenen Lohnabhängigen, der dort als Leiharbeiter arbeitet.

Erzähl uns doch bitte etwas zu den bisherigen Vorkommnissen auf deiner Arbeit.

Als langsam klar wurde, dass es mit der Pandemie ernst wird, kam erstmal eine Mail, die Verantwortung beschworen hat: Die Sicherheit der Beschäftigten und der Gesamtgesellschaft sei Priorität, man müsse aber trotzdem auf Arbeit kommen. Als ich dann auf Arbeit ankam, gab es ein paar Wischtücher und Desinfektionsmittel. Man arbeitet im Callcenter an Arbeitsplätzen, die in ständigem Wechsel mit neuen Leuten besetzt werden und wo man mit Körper und Gesicht nah an den Arbeitsmitteln dran ist. Daher ist die Ansteckungsgefahr sehr hoch. Die eh nur behelfsmäßig gestellten Desinfektionsmittel und die Tücher waren schnell alle und die hygienischen Maßnahmen wurden recht schnell vernachlässigt. Es handelte sich um vor dem Hintergrund der Pandemie unhaltbare unhygienische Arbeitsbedingungen. Ich hatte das Gefühl, der Geschäftsführung ist unsere Gesundheit eigentlich völlig egal, solange wir arbeiten.

Gab es Protest von den Beschäftigten?

Die Stammbeschäftigten – in dem Callcenter arbeiten meist ca. 30 Leute gleichzeitig, davon sind ungefähr die Hälfte Stammbelegschaft und die anderen LeiharbeiterInnen, das sind Studierende –  haben relativ schnell Homeoffice gefordert. Die Chefs waren zunächst überfordert, weil sie für solche Fälle nicht vorbereitet sind, aber nach ca. einer Woche wurde Homeoffice eingerichtet – aber nur für die Stammbelegschaft! Uns LeiharbeiterInnen wurde erstmal gar nichts gesagt; wir sollten weiter auf Arbeit kommen.

Und wie war das für euch LeiharbeiterInnen?

Nicht gut. Als ich wieder auf Arbeit kam, waren die Stammbeschäftigten schon zu Hause. Auch die Chefs waren nicht da, nur unser Teamleiter. Die Arbeitsplätze der Stammbeschäftigten konnten aber wegen der Umstellung auf Homeoffice zunächst nicht benutzt werden. Unser Teamleiter hat uns dann auf engstem Raum in einem kleinen Schulungsraum arbeiten lassen. Meine KollegInnen machten Witze, man arbeite jetzt im »Corona-Brutkasten«. Als dann die Arbeitsplätze der Stammbeschäftigten endlich wieder genutzt werden konnten, konnten wir wenigstens dort raus. Aber wir arbeiten immer noch zusammen in einem Großraumbüro, was erwiesenermaßen gefährlich ist. Das ging dann erstmal so weiter, bis jetzt endlich, ca. eine Woche später, die Ansage kam, es werde für die LeiharbeiterInnen auch Homeoffice eingerichtet. Wegen rechtlicher und technischer Schwierigkeiten dauere das aber noch. Das ist der Stand bis heute. Die Sache ist aber, dass man dafür sein eigenes Material stellen können muss. Wer z.B. keinen Laptop hat, oder bei wem es technische Schwierigkeiten gibt, muss noch hin.

Was sagen deine KollegInnen dazu? Gibt es Widerstand, Organisierung oder Ähnliches?

Es wird irgendwie so hingenommen. Ich selbst finde es aber ganz schön krass und hoffe echt, ganz schnell Homeoffice machen zu können.

Wie geht es jetzt weiter?

Grad wird viel im Callcenter angerufen, d.h. es ist viel an Arbeit zu tun und ich brauche das Geld.

Danke für das Interview.

In Brasilien kam es in den letzten Wochen übrigens in mehreren Städten zu Streiks und Protesten von Call-Center-Beschäftigten. Sie verlangen die Schaffung sicherer und hygienischer Arbeitsplätze, die Einstellung nicht notwendiger Arbeiten – um sich und andere zu schützen – und kritisieren die Untätigkeit der Unternehmen und Gewerkschaften: https://solidarischgegencorona.wordpress.com/2020/03/23/wir-warten-nicht-auf-erlaubnis-um-leben-zu-retten/

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