Die NZZ will wissen: «Wie senkt man die Kosten pro Leben?»

Die Krise trägt bereits den dünnen Firnis der Zivilisation ab. In Schweizer Medien wird diskutiert, wie viel ein Menschenleben kosten darf.

Dokumentiert von: https://coronasoli.ch/

Einmal mehr spricht aus Roger Köppel die schneidende Kälte der bürgerlichen Gesellschaft. «Wie viel darf ein Menschenleben kosten?», fragt er von seinem Redaktionsstuhl in die Welt hinaus. «Finstere Fragen» hat er sein Editorial übertitelt. Aber man will ihm nicht so recht abkaufen, dass er das wirklich für finster hält.

«Die Schweiz muss wieder lernen, mit den finsteren Alternativen zu leben – und umzugehen», heisst es bei Köppel weiter. Ein Schelm, wer sich beim bedeutungsvollen «wieder» an eugenische Praktiken und malthusianische Bevölkerungspolitk erinnert sieht. Schliesslich wird hier gerade vor allem das Leben jener Menschen verhandelt, die lange Jahre gearbeitet haben und denen man nun die unproduktive Ruhe nicht so richtig gönnen mag.

Die NZZ am Sonntag fragt in einem Artikel bereits im Titel praktisch wortgleich wie Köppel: «Wie viel Geld darf ein Menschenleben kosten?». Bei der Zeitung ist dies aber keine «finstere», sondern lediglich ein «heikle» Frage. So ähnlich wie wenn jemand fragt, ob man über die Feiertage ein wenig zugenommen hat.

Das ehemalige Leitblatt des Wirtschaftsliberalismus löst den Bruch zivilisatorischer Standards ein wenig eleganter als Köppel. So lässt man das Bundesgericht sprechen: Dieses hatte vor einigen Jahren in einem Urteil zu sehr teuren Medikamenten festgelegt, bis 100’000 Franken pro gerettetes Lebensjahr seien angemessen.

Dabei belässt es die NZZ aber nicht. Sie befragt einen sogenannten Gesundheitsökonomen und schreibt dann: «Alles dem Ziel unterzuordnen, möglichst viele Todesfälle durch das Virus zu vermeiden, hat ein schlechtes Kosten-Nutzen-Verhältnis – das also ist die reine Lehre der Gesundheitsökonomie. Doch was fängt man damit an? Wie senkt man die Kosten pro Leben?» Auch wenn die Journalisten hier nur wiedergeben, die Frage ist damit in den Wohnzimmern ihrer Leser*innen – und zwar im Indikativ, in der sogenannten Wirklichkeitsform.

Ein Zürcher Wirtschaftsprofessor namens Joachim Voth fragt in einem Interview mit der Handelszeitung schliesslich offenherzig: «Wie lange kann man politisch durchsetzen, dass 90 Prozent der Bevölkerung, die gesundheitlich nicht bedroht sind und 100 Prozent der Wertschöpfung schaffen, zuhause bleiben müssen, um die verbleibenden 10 Prozent zu schützen?» Wichtig ist an der Überlegung das Wörtchen «Wertschöpfung», mit der Voth markiert, was er für entscheidend hält.

Mal von der medizinischen Unkenntnis des Ökonomen abgesehen, spricht daraus genau jenes Verständnis der Welt, das typisch für die Fans kapitalistischer Gesellschaft ist: Die «Wirtschaft» wird als jener verselbständigte Prozess, der er ja auch tatsächlich ist, als Gottheit behandelt. Dem opfert man dann auch immer wieder Menschenleben. Das drängt nun einfach ins Bewusstsein. Im Gegensatz etwa zu Diskussionen um Arbeitsschutz, wo dieser Umstand mit allerhand Beschwörungen verdeckt wird.

Die von NZZ, Weltwoche und Handelszeitung verhandelte Frage müsste genau anders herum gestellt werden: Was ist das eigentlich für eine verrückte Art und Weise Produkte herzustellen, in der Menschen nicht unbesehen ihrer Rolle das Wichtigste sind?

Klar: Medikamente, Lebensmittel, fast alles um uns herum muss im Wirtschaftsprozess hergestellt werden. Bloss wohnt in diesen Dingen heute der Gott des Profits, der neben sich keine anderen Götter duldet. Deshalb geht es nicht um die konkrete Versorgung mit Medikamenten, sondern um «Wertschöpfung» und ähnlich harmlos klingende Grausamkeiten. Wie die Versorgung mit Medikamenten sichergestellt werden kann, wäre nämlich eine andere Fragestellung, die nicht in Geld und Kosten zu kalkulieren ist.

Den öffentlich Diskutierenden geht es stattdessen darum, dass die Wirtschaft profitabel weiter funktionieren kann: Der britische Journalist Jeremy Warner hat kürzlich dem Magazin Metro in ein Mikrophon gesagt: «Covid-19 könnte sich aus einer völlig uninteressierten wirtschaftlichen Perspektive langfristig sogar als leicht vorteilhaft erweisen, indem es unverhältnismässig viele ältere Angehörige tötet.»

Es ist genau jene «uninteressierte» Perspektive, die nicht am Menschen, sondern an dessen kapitalistischer Wirtschaft interessiert ist. Wer sowas verhandeln will, will nie sein eigenes Leben verhandeln. Man sollte sich bei diesen Leuten mal nach Kontostand und Einkommensquelle erkundigen. Entweder haben sie ein Interesse am profitablen Geschäft oder sie haben zu lange Wirtschaftswissenschaften gebüffelt.

3 Gedanken zu “Die NZZ will wissen: «Wie senkt man die Kosten pro Leben?»

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