Die, die jetzt noch arbeiten, werden die zukünftigen Kranken sein!

Zur Situation der Reinigungskräfte in Italien: Bericht einer Arbeiterin in Zeiten von Covid-19

Der folgende Text, im Original veröffentlicht am 21.03.2020 von Benedetta La Penna, ist ein Bericht einer Reinigungskraft und Aktivistin aus Mittelitalien. Sie spricht über die prekären Arbeitsbedingungen von Reinigungskräften, die sich während der Corona-Krise verschärfen und die in der Berichterstattung zu Arbeitskämpfen nicht unsichtbar bleiben sollen.

In der aktuellen Situation kommen aggressive Reinigungsmittel zum Einsatz, zudem fallen neue Aufgaben an, wie das großflächige Desinfizieren nach Schichtende. Während Reinigungskräfte für den Gesundheitsschutz anderer ArbeiterInnen sorgen, sind sie selber durch reizende Reinigungsmittel und den Mangel an Schutzmaßnahmen massivsten gesundheitlichen Risiken ausgesetzt.

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„Bei Personalmangel werden ZeitarbeiterInnen eingesetzt, und um den Markt weiterhin bedienen zu können, schließen sie die Produktionsstätten nicht. Gleichzeitig streiken ArbeiterInnen in verschiedensten Sektoren, um ihre Gesundheit zu schützen. Natürlich könnten auch (Zeit-)ArbeiterInnen, die gerade eingestellt werden, streiken, aber sie werden es nicht tun: für sie ist es, als hielte man ihnen eine Pistole an den Kopf. Sie sind vor die Wahl zwischen Arbeit und Arbeitslosigkeit gestellt, und der Ausgang der Wahl ist klar.

Von der Basis muss so lange Druck auf die Regierung ausgeübt werden, bis Schutzmaßnahmen und soziale Sicherheiten für alle Arbeitenden garantiert werden und über die Schließung der Produktionsstätten verhandelt wird. Sie muss kollektiv stattfinden, in allen Sektoren, die nicht notwendig sind – wenn sie Masken oder Mittel des Grundbedarfs produzieren, dann müssen sie, mit ausreichenden Schutzmaßnahmen, natürlich weiterlaufen. Das Mindeste wäre, dass sie uns Masken geben, dass sie die berühmten DPI (dispositivi di protezione individiuale), die persönlichen Schutzvorkehrungen einhalten würden. Wir alle kämpfen nun seit zwei Wochen. Der Protest richtet sich gegen die mangelhaften Sicherheitsvorkehrungen und den mangelnden Gesundheitsschutz, und das ist ja das Wesentliche: Die Gesundheit. Wir wollen nicht zwischen Gesundheit und Arbeit, zwischen Lohn und Erpressung wählen müssen!

Was am Samstag geschah, ist einfach ein Skandal: ein Protokoll (neue Regelungen zur Sicherheit am Arbeitsplatz, Anm.d.Ü.) wurde unterzeichnet, das den Betrieben letztlich freie Hand lässt, ob sie die DPI einhalten oder nicht. Aber in vielen Betrieben gibt es keine oder nur unzureichende DPI. Oft wird die gleiche Maske eine Woche lang benutzt. Und so wird die Maske, die dich eigentlich während deiner Arbeit schützen sollte, nicht getauscht, weil dir kein Ersatz zur Verfügung gestellt wird.

Probiert ihr mal, mit 200 Personen auf kleinstem Raum eingepfercht zu sein und dabei den jetzt so wichtigen Sicherheitsabstand einzuhalten, soll das ein Witz sein? Das ist ein Hohn für die gesamte ArbeiterInnenklasse! Die, die jetzt noch arbeiten, werden die zukünftigen Kranken sein! Für mich ist das ein richtiger Kampf. Uns haben sie nur die chirurgischen Masken, ohne richtigen Filter, gegeben – und wir sind diejenigen, die alles desinfizieren. Wenn wir nicht an Covid sterben, dann sterben wir an den Dämpfen dieser reizenden Reinigungsmittel. Die Reinigungsmittel bestehen zu 75 Prozent aus Chlor. Sie lagern sich in den Atemwegen ab. Die Liste der Inhaltsstoffe spricht eine klare Sprache: Ist man diesen Stoffen eine längere Zeit ausgesetzt, können Entzündungen an den Schleimhäuten, Atemwegen und Reizungen der Augen die Folge sein! Oder wie eine Kollegin von mir heute gesagt hat: Wenn wir also nicht an Covid-19 sterben, dann sterben wir wenigstens desinfiziert.

[…]

Sacrosanto! Himmelherrgott! Und die Reinigungskräfte sind allesamt bei Subunternehmen angestellt, die maximal die Löhne drücken. Das heißt, wenn auf der einen Seite durch Produktionsstopp eine Arbeiterin gerettet wird, gibt‘s auf der anderen Seite eine, die noch viel mehr ausgebeutet wird.

Wir werden mit 6,88 Euro nach Tarif entlohnt. Man braucht nur zu überschlagen, wie viele Firmen unsere Leistungen gerade brauchen, und dann sieht man, wie aus unserem Arbeitsbereich eine richtige Profitmaschine wird.

Sie sparen nicht nur am Arbeitsschutz, schon der Lohn bringt uns in Arbeitsverhältnisse, die der Sklaverei verdächtig nahe kommen, und das alles ohne die notwendige Schutzbekleidung: Ganzkörperanzug, Einmalhandschuhe, Mundschutz, gänzliche Bedeckung… und der Mundschutz FFP3. Wenn wir keine Schutzbekleidung bekommen, wird am Körper der Arbeiterinnen gespart.

Was passiert, wenn die Fabriken geschlossen sind? Sie werden natürlich gereinigt. Wenn sie dann aber drei Tage später wieder öffnen, geht das Ganze wieder von vorne los. Und so entsteht der Teufelskreis, weil die Fabriken mitten in der Krise geöffnet bleiben, um keine Einbußen zu machen.

Hier zeigen sich kapitalistische Verhältnisse wie unter einem Brennglas […]

Die Situation in den Fabriken in Zeiten des Virus wirft eine Reihe von Fragen auf, und die Confindustria (Arbeitgeberverband) beantwortet sie klar und deutlich, indem sie die Produktion weiter laufen lassen. […] Sie fordern uns auf, die Hallen zu reinigen, wenn geschlossen ist, wodurch wir mehr Arbeit haben und sie niemals gänzlich schließen müssen. Sie riskieren damit unsere Gesundheit und die unserer Angehörigen, während wir seit Jahren keine Lohnerhöhung bekommen.

[…]

Oft lesen wir, dass unsere Arbeit bemängelt wird. Aber sie wissen nicht, was es bedeutet, stundenlang gebückt Flächen zu putzen, um sechs oder sieben in der Früh zu beginnen und von einem zum anderem Arbeitsort zu hetzen, ohne die Fahrtkosten gezahlt zu bekommen. Zwischen den Einsätzen haben wir teilweise drei Stunden Pause, und viele haben nicht die Möglichkeit dazwischen nach Hause zu gehen, von morgens um sechs bis abends um sechs sind wir draußen und die ganze Zeit atmen wir die Dämpfe der Reinigungsmittel ein.

Unsere Arbeit ist zwar systemrelevant, aber der Großteil derjenigen, die darüber berichten wollen, muss dies anonym machen. Wir können nicht anders in unserer Situation. Vor einigen Tagen wurden Arbeiterinnen, die im Krankenhaus in Livorno putzten, entlassen, nur weil sie den Mangel an DPI, Handschuhen und den für uns so fundamental wichtigen Masken öffentlich beklagt haben. Für uns ist der Streik ein Luxus und das Anprangern der Mängel ein Risiko, und das bei diesem miserablen Lohn von 500 Euro im Monat.

Ich möchte auch noch daran erinnern, dass der Großteil der Reinigungskräfte Frauen sind. Feminisierte Arbeit in Zeiten der Sklaverei mit dem Kürzel COVID 19. Eine doppelte Unterdrückung in Zeiten der Pandemie.

Quelle: https://www.pressenza.com/it/2020/03/le-operaie-al-tempo-del-covid-19-una-testimonianza/?fbclid=IwAR0rR3fVsfc0PA0pHmiDc04sKNs7KFiLDg YEFBVrBUaqpCiiTtbp8pA0sro

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