Ein Bild der Zukunft? – Shutdown und soziale Verwerfungen in Süditalien

Einleitung

Am 8. März war ich zusammen mit Tausenden auf der feministischen Demo in Leipzig. Das Wetter und die Stimmung waren hervorragend, alle freuten sich, dass so viele zusammen auf die Straße gekommen waren. Abends erfuhr ich von dem schockierenden Anstieg von Covid19-Infektionen und -Verstorbenen in Norditalien, sowie der Einrichtung einer „roten Zone“ in einigen Landesteilen. Diese Nachrichten hatten eine durschlagende Wirkung auf mein Bewusstsein, die ich als Realisierungseffekt beschreiben würde.

Ich wusste zwar bereits zuvor von der Ausbreitung der Pandemie in China und Europa und hatte auch bereits erste Artikel darüber gelesen. Doch bislang war dieses Wissen merkwürdig abstrakt geblieben. Es war ein Wissen über Vorgänge jenseits meines eigenen Lebenskreises, letztlich ohne Bedeutung für meinen Alltag. Das änderte sich bei mir persönlich erst am 8. März. Auch wenn einige weitsichtige Zeitgenossen schon seit Monaten alarmiert waren, habe ich in meinem Umfeld festgestellt, dass der beschriebene Realitätsschock bei Vielen ähnlich spät einsetzte, vielleicht einige Tage früher oder später.

Seither haben sich die Entwicklungen bekanntlich überall auf der Welt überschlagen. Corona ist zum alles bestimmenden Thema geworden, Quarantäne-Maßnahmen, die vor wenigen Wochen einige Landstrich in Norditalien betrafen, sind nun ein globales Phänomen.

Den untenstehenden Artikel habe ich in Auszügen aus dem Spanischen übersetzt, weil ich bei seiner Lektüre eine Art zweiten, schwächeren Realisierungseffekt bei mir feststellte. Es ist der Form nach ein ganz konventioneller Zeitungsartikel über die jüngsten Entwicklungen in Süditalien, den ein Facebook-Freund aus Spanien auf seinem Profil gepostet hatte. Der Artikel bietet keine Analysen, sondern berichtet lediglich über einige Aspekte der neuen sozialen Wirklichkeit, die gerade rasend schnell entsteht.

In diesem Artikel geht es nicht um die Eskalation der Pandemie selbst oder um die staatlichen Zwangs- und Vorsichtmaßnahmen, die auf die Ausbreitung der Seuche folgen. Es geht um die tiefen wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen, die die aktuelle Krise schon nach wenigen Wochen für Millionen Lohnabhängiger nach sich gezogen hat. Und es geht um das enorme soziale Konfliktpotential, das dadurch binnen kürzester Zeit zum Vorschein kam. Wiederum war es so, dass ich in einem bestimmten Sinn bereits wusste, dass sich hinter den nüchternen Wirtschaftsnachrichten von Kursstürzen, zusammengebrochenen Lieferketten, Ladenschließungen etc. jede Menge menschliches Elend verbirgt. Durch den vorliegenden Artikel ist dieses Wissen aber nicht nur anschaulicher geworden, sondern es zeichnen sich hier auch einige Wege ab, in denen sich die Wut und die Verzweiflung in den kommenden Monaten kollektivieren und kanalisieren könnten. Dass dieser Artikel auch bei vielen anderen eine ähnliche Wirkung hatte, ist schon daran abzulesen, dass er inzwischen über 900 Mal von dem Profil meines spanischen Facebook-Freundes geteilt wurde.

Italien nimmt in Europa eine traurige Vorreiterrolle ein. Doch in Spanien hat man anscheinend verstanden, dass man über die Zustände der italienischen Lohnabhängigen nicht die Achseln zucken und sich optimistisch dabei beruhigen kann, dass die Sache vor Ort noch lange nicht so schlimm stehe. Obwohl sich die aktuelle Krise natürlich in den verschiedenen Staaten und Ökonomien unterschiedlich drastisch auf die Lebensbedingungen der Lohnabhängigen auswirken wird, sind die italienischen Ereignisse keine bloße Lokalangelegenheit. Auch in Panama, Kolumbien und Mexiko kam es bereits zu Plünderungen von Supermärkten (siehe Sebastian Lotzer auf Twitter). Und da die aktuelle Krise Milliarden Menschen auf der ganzen Welt in massive ökonomische, soziale und gesundheitliche Bedrängnisse bringt und noch bringen wird, sind diese Ereignisse wahrscheinlich nur die ersten Zeichen einer gewaltigen Welle sozialer Unruhen, die alles in den Schatten stellen dürfte, was wir in den letzten Jahrzehnten erlebt haben.

Dass die aktuelle Lage sowohl zu kollektiver Selbstorganisation, als auch zu „sozialem Kannibalismus“ (Sebastian Lotzer) führen kann, ist indes schon an den ersten Zeichen dieser Unruhen in Italien absehbar.

***

Schwere Spannungen in Süditalien: Erste Plünderungen in Supermärkten und Aufrufe zur Rebellion.

Wie zu befürchten war, entwickelt sich der Gesundheitsnotstand in Süditalien zur sozialen Krise. Es kam zu ersten Plünderungen, was Supermärkte dazu zwingt, sich mit speziellen Wachdiensten zu versehen und es besteht die Besorgnis schwerer sozialer Proteste. Aus dem Süden erschallt ein machtvoller Alarmschrei, den die Bürgermeister und italienischen Geheimdienste aufnehmen, wenn sie die Regierung warnen: „Das Volk hat Hunger“. Die Zeichen sind dramatisch und zahlreich und gehen innerhalb weniger Stunden viral. Eines von ihnen ist ein Video, in dem ein Vater und seine Tochter eine Scheibe Brot mit Nutella essen; er richtet sich in drohendem Tonfall an den Premierminister Conte und den Bürgermeister von Palermo: „Wenn meine Tochter kein Stückchen Brot mehr zu essen hat, werden wir die Supermärkte überfallen.“

Ebenfalls in Palermo ist eine organisierte Gruppe von etwa 20 Leuten mit vollen Einkaufswagen an den Kassen einer der belebtesten LIDL-Filialen aufgetaucht und hat sich geweigert zu bezahlen. Dabei schrien sie: „Schluss mit dem Zuhause-Sein, wir haben kein Geld um zu bezahlen, wir müssen essen“. Die Angestellten des Supermarktes riefen die Polizei und die Carabinieri (Bundespolizei), während sich die Panik in der großen Menschenmenge ausbreitete, die in der Straße wartete und dort mit Sicherheitstand von einem Meter Schlange stand. Das Chaos dauerte stundenlang an. Um Schlimmeres zu verhindern und die Supermärkte zu schützen, überwachen die Ordnungskräfte heute die Läden in Palermo und anderen Städten.

Aufrufe zu Revolten

Die Aufrufe zu Revolten verbreiteten sich in den sozialen Netzwerken wie ein Lauffeuer. Auf Facebook erschein das Profil einer Gruppe namens „Noi“ („Wir“), das mit einem Slogan zur Revolte aufruft: „Zurückholen, was sie uns weggenommen haben“. Innerhalb weniger Stunden hatte sie Hunderte Follower, von denen sich einige per Chat organisieren. Ihre Nachrichten lassen keinen Raum für Zweifel. Jemand sagt: „Alle die am 3. (dem vorgesehenen Datum für das Ende des Notstandes, obwohl es als sicher gilt, dass die Regierung eine Verlängerung dekretieren wird) bereit sind zum Krieg, schreiben hier ihren Namen drunter“, „wir müssen alle Supermärkte aufbrechen“. Ein anderer schreibt: „Das Problem ist unmittelbar, die Kinder müssen essen.“

Ähnlich die Nachricht von Alejandro: „Ich warte nicht bis April, ich habe keinen Euro, meine Familie muss essen“. Viele posten Videos und geben dabei ihre Identität preis. Sie rufen zur sozialen Revolte auf und zeigen dabei ihre eigenen Kinder. Luky schreit in einem dieser Videos: „Die, die ein festes Einkommen haben, können zuhause bleiben, wenn wir eingesperrt bleiben müssen, muss der Staat uns Essen bringen und die Miete zahlen. Wir sind nicht Christiano Ronaldo: Hier lebt dreiviertel der Italiener von Schwarzarbeit; Widerstand!“. Laut einer aktuellen Studie der CGIL (größte Gewerkschaft Italiens), arbeitet in Palermo und der zugehörigen Provinz jedeR dritte schwarz.

Raubüberfälle auf der Straße

Den Aufruf zur Plünderung von Supermärkten gibt es nicht nur auf Sizilien, er verbreitet sich auch in anderen Orten im Süden. In dieser Hälfte Italiens sind etwa vier Millionen Menschen in der Schattenwirtschaft beschäftigt. In Kampanien, besonders in einigen Gegenden der Provinz Neapel, haben die Straßenüberfälle zugenommen, bei denen Leute anderen die Tüten mit den Lebensmitteln wegnehmen, die sie gerade im Supermarkt gekauft haben. Es vergeht kaum ein Tag, an dem es im Süden nicht zu Überfällen auf Apotheken kommt. Es gibt Leute, die vom Balkon ihre Lebensangst und ihren Hunger herausschreien. In Bari, der Hauptstadt von Apulien, musste die Sozialrätin Francesca Bottaloci persönlich Pakete mit lebensnotwendigen Gütern zu einer Familie bringen, die in sozialen Medien ein Video gepostet hatten, in dem sie von ihrem Balkon ihres Hauses riefen: „Wir haben kein Geld mehr, wir haben nichts. Kommt und seht es euch an.“

Die sogenannten 007, der Geheimdienst, hat einen vertraulichen Bericht für Premierminister Conte und die Innenministerin Lamorgese erarbeitet, worin sie warnen: „Es gibt ein Gefahrenpotenzial für Revolten und Rebellionen, spontaner und organsierter Art, vor allem in Süditalien, wo die Schattenwirtschaft und die engmaschige Ausbreitung der organisierten Kriminalität zwei der Hauptrisikofaktoren darstellen.“ Es ist nicht zu übersehen, dass die Mafia nur darauf wartet, sich explosiven Situationen jedweder Art zunutze zu machen. Für die Mafia-Organisationen stellt der Coronavirus eine optimale Gelegenheit für ihre kriminellen Geschäfte dar.

Zahlreiche Gemeinderäte stimmen in diese Warnungen ein, unter ihnen einige aus Kampanien, einer Gegend mit hoher Kriminalität, wo die Camorra sich fragt, ob sich ihr eine goldene Gelegenheit bietet. Ciro Buonajuto, der Bürgermeister von Herculano, der von der Camorra bedroht wird, hat darauf hingewiesen: „Wir haben eine Jugendarbeitslosigkeit von 75%, wer arbeitet tut das in den meisten Fällen unter prekären Bedingungen: jetzt habe ich Angst vor den sozioökonomischen Auswirkungen: Wucher, Drogenhandel, die Geschäfte der Camorra können zunehmen …“

Quelle: https://www.abc.es/sociedad/abci-graves-tensiones-italia-primeros-saqueos-supermercados-y-llamadas-rebelion-202003281411_noticia.html

Ein Gedanke zu “Ein Bild der Zukunft? – Shutdown und soziale Verwerfungen in Süditalien

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