„Wir warten nicht auf Erlaubnis um Leben zu retten.“

In Reaktion auf die Ausbreitung des Corona-Virus sammeln sich ArbeiterInnen weltweit unter den gleichen Parolen. Sie verlangen die Schaffung sicherer und hygienischer Arbeitsplätze und die Einstellung nicht notwendiger Arbeiten, um sich und andere zu schützen. In Brasilien kam es in der letzten Woche in mehreren Städten zu Streiks und Protesten von Call-Center-Beschäftigten. Sie fordern die Einstellung der Arbeit bei Lohnfortzahlung und kritisierten die Untätigkeit der Unternehmen und Gewerkschaften. Für morgen haben sie zu einem landesweiten Streik aufgerufen, um ihre Forderungen durchzusetzen. Eine Genossin hat den Bericht von Passa Palavra über diese Entwicklung dankenswerterweise für uns übersetzt.

Um nicht zu sterben, legen Beschäftigte Call Center in ganz Brasilien lahm und fordern Quarantäne

In der Regel sind diese Stilllegungen das Ergebnis der Eigeninitiative der Arbeiter, die nicht auf Genehmigungen warten, um Leben zu retten.

Passa Palavra, 19. März 2020

Trotz all der ärztlichen und gesundheitlichen Anleitungen zur Vermeidung von Ansammlungen und der Regierungs-Dekrete zur Schließung von nicht essenziellen Betrieben während der Pandemie geht die Arbeit in den Telemarketing-Unternehmen in ganz Brasilien normal weiter. Almaviva, Atento, Teleperformance und andere große outgesourcte Call Center glauben, auf einem anderen Planeten zu leben: Sie versuchen, den Betrieb aufrechtzuerhalten und ignorieren oder verharmlosen Berichte von Arbeitern über kranke Kollegen oder den Kontakt mit infizierten Personen.

Nach einer Woche der Unsicherheit und Ratlosigkeit beginnen die ArbeiterInnen der Call Center in Eigenregie, Vorkehrungen zu treffen. In ganz Brasilien verbreiten sich Nachrichten über wilde Streiks, bei denen die Arbeiter gemeinsam entscheiden, den Betrieb niederzulegen. Die Call-Center-Unternehmen sind eine ideale Umgebung für die Kontamination durch den Virus, weil sich hier Hunderte von Personen, die sich Arbeitsgeräte teilen, in schlecht belüfteten Hallen ansammeln – ganz zu schweigen von der Abwesenheit von grundlegenden Präventionsmitteln, wie alkoholischem Gel und der Reinigung der Arbeitsbereiche.

Am Morgen dieses Donnerstags (19.03.) verließen Arbeiter*innen von Fidelity in der Stadt Lauro de Freitas in Bahia ihre Posten, um vor dem Unternehmen zu protestieren. In Bahia gab es außerdem Proteste in Feira de Santana (die erste Stadt mit einem bestätigten Corona-Fall im Bundestaat Bahia) und in Salvador.

Ebenfalls im Nordosten legten ArbeiterInnen Almaviva in Teresina, im Bundestaat Piauí, lahm – das größte Unternehmen der Stadt, das Tausende von Personen in einem Gebäude zusammendrängt – und riefen ihre Kollegen nach draußen. Almaviva war auch die Bühne für Mobilisierungen in Juiz de Fora im Staat Minas Gerais, wo die Arbeiter*innen auf die Straße gingen und sangen: „Ah, was ist das? Jemand wird sich den Coronavirus zuziehen!“.

In Goiânia, Hauptstadt von Goiás, war der Tag nicht weniger lebhaft. Arbeiter von BTCC-Oi blockierten die Autostraße BR-153 und sangen „Quarantäne ist die Lösung, Gesundheit und Schutz!“. Die Geschäftsleitung akzeptierte, eine Kommission zur Verhandlung zu empfangen und schlug vor, allen freizugeben, die Teil der Risikogruppe sind oder darum bitten, den Urlaub vorzuverlegen – allerdings war die Forderung der Arbeiter, die Arbeit auszusetzen, um die Pandemie zu bändigen. Ebenfalls in Goiânia wurde Atento durch seine Beschäftigten lahmgelegt, die die Verfolgung von Leuten, die innerhalb des Unternehmens über Gesundheit sprechen, anprangern: Supervisoren sperrten und schlossen ArbeiterInnen aus Messenger-Gruppen aus und stellten Fernseher, während Nachrichten über Covid-19 liefen, ab. Als Antwort auf die Aktion schaltete die Leitung die Polizei ein, um den Streik zu unterdrücken. Unterdessen geht in den sozialen Medien ein Aufruf zur generellen Stilllegung der Call Center am Freitag, dem 20.03, in ganz Brasilien um. In São Paulo sind dem Aufruf schon ArbeiterInnen der Betriebe von Almaviva, Atento, Teleperformance, LiQ und Contact Center gefolgt. Die Forderung ist die sofortige Einstellung der Aktivitäten der Unternehmen gemäß der Covid-19-Pandemie mit einer vollen Aufrechterhaltung der Gehaltszahlungen.

Verweigern sie sich der Schließung, gefährden die Unternehmen nicht nur das Leben ihrer Arbeiter, sondern aller Personen, denen diese sich nähern und, zu guter Letzt, der ganzen Bevölkerung. Schließlich breitet sich der Virus exponentiell aus. Es reicht, sich anzuschauen, was in Südkorea passierte. Einer Reportage von Globo zufolge hatte das Land es geschafft, den Ausbruch von Covid-19 zu stabilisieren und die Anzahl der infizierten Personen fing an zu fallen. Allerdings hatte die Anwesenheit von einer einzigen infizierten Person in einem einzigen Call Centers einen desaströsen Effekt. Allein in dieser Firma wurden 90 neue Fälle und 200 Verdachtsfälle bestätigt. In den folgenden Tagen sprang die offizielle Zahl der Toten von drei auf 63. Im internationalen Szenario fordert in Portugal die Gewerkschaft der Arbeiter der Call Center (Sindicato dos Trabalhadores de Call Center) die Schließung der Abfertigungszentren mit mehr als 200 Arbeitern. Die Gewerkschaft warnt vor der Tatsache, dass Standorte existieren, wo die Beschäftigten die gleichen Geräte teilen (Kopfhörer und Mikrofone). In Antwort auf diese Arbeitsbedingungen fordern die Arbeiter neben der Schließung der Zentren die Implementierung von Fernarbeit und rufen zum Streik für den 24. März auf.

In Brasilien unterstützen die Gewerkschaften die Forderung der Arbeitgeber, die auf der Aufrechterhaltung der nicht notwendigen Arbeiten wie Telemarketing bestehen. In den meisten Bundesstaaten ist die offizielle Position der Telekommunikations-Gewerkschaften die Dekontaminierung und Hygiene der Arbeitsumgebung zu fordern, ohne jedoch Quarantäne zu verlangen. Und daher sind diese Stilllegungen in der Regel das Ergebnis der Eigeninitiative der ArbeiterInnen, die nicht auf Erlaubnis warten, um Leben zu retten.

3 Gedanken zu “„Wir warten nicht auf Erlaubnis um Leben zu retten.“

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