„Unglücklich das Land, das Heldinnen nötig hat“

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Im Zuge der COVID-19-Pandemie wird vieles sichtbar, was im kapitalistischen Normallvollzug unter dem Radar öffentlicher Aufmerksamkeit läuft. Durch Schulschließungen und überforderte Krankenhäuser steht die bezahlte Sorgearbeit plötzlich im Rampenlicht. Supermarkt-Kassiererinnen und Pflegekräfte können sich vor offiziellen Huldigungen von Merkel und Co. kaum noch retten. Doch die Verehrung dieser Heldinnen ist doppelbödig, denn die Anrufung als Heldin ist nicht nur schmeichelhaft: Sie enthält auch die Erwartung, dass du bereit bist, dein Leben für die Gemeinschaft zu geben.

Diese Anrufung ist auch insofern zynisch, da Arbeitsbedingungen und Entlohnung dieser Sorge-Heldinnen sich unter dem Zwang der Profitmaximierung in den letzten Jahrzehnten deutlich verschlechtert haben. Die Politik aller Parteien hat dafür die entsprechende Schützenhilfe gewährt. So haben die Hartz-Reformen der Nuller Jahre etwa zu einer Ausweitung des Niedriglohnsektors geführt, was prekäre Minijobs in der Dienstleistungsbranche wie der privaten Haushaltshilfe, der Gastronomie und dem Einzelhandel zur Normalität hat werden lassen. Zudem betreiben Handelsketten Tarifflucht, Lohndumping und Union Busting. Das Gesundheitssystem wiederum wurde massiv unter Rationalisierungsdruck gestellt, wodurch sich die Arbeitsbedingungen z.B. in der Pflege heute derart desaströs gestalten, dass kaum eine Krankenpflegerin es noch lange in diesem Beruf durchhält. Diese Entwicklung hat System, denn in dieser Gesellschaft kollidiert das soziale Bedürfnis an Gesundheit und Pflege mit der Tatsache, dass sich den kapitalistischen Privatproduzenten Ausgaben für Gesundheitsleistungen im Allgemeinen als Abzüge von ihren Profiten darstellen. Die Politik folgt deren Interesse, wenn es die Privatisierung und Rationalisierung des Gesundheitssystems vorantreibt.

Jetzt sollen die Frauen, die das Gros der Arbeitskräfte in diesen Bereichen ausmachen, angesichts der heraufziehenden Gesundheitskrise mit vollem Engagement an die Arbeit gehen. Zu erwarten sind vor allem für das Gesundheitspersonal eine außerordentliche psychische und physische Belastung. Dazu kommt in all den oben genannten Dienstleistungsberufen ein hohes Infektionsrisiko sowie die Beanspruchung weit über die vereinbarten Konditionen hinaus. Damit die Arbeitskräfte angesichts dieser kaum zumutbaren Herausforderung die „Stellung“ halten, werden nun Durchhalteparolen durchgegeben: In Fernsehspots huldigt z.B. Edeka zu gefühlsduseliger Musik den fleißigen MitarbeiterInnen und die Bundeskanzlerin drückt den VerkäuferInnen und PflegerInnen in ihrer Fernsehansprache ihre Dankbarkeit aus. Auch das Klatschen vom Balkon ist nicht nur Ausdruck von Wertschätzung, sondern gleichzeitig Anfeuern zum Weitermachen.

Dabei werden altbekannte Kitschbilder aufgewärmt, die die Frauen zu selbstlosen Retterinnen der Nation verklären. Müssen wir im Land der Trümmerfrauen an die Problematik staatsoffizieller Weiblichkeits-Mythen erinnern? Während der Staat einerseits als strenger Vater auftritt, der die Grenzen dichtmacht, die Situation unter Kontrolle bringt und die ungezogenen Bürger in den Hausarrest sperrt, sollen die Frauen aus purer Nächstenliebe Menschenleben retten (freilich nicht unterschiedslos alle – nur die, für die sich der Souverän zuständig fühlt!). Dass sie zu wenige sind und es an Schutzausrüstung mangelt, interessiert nur, insofern es die deutsche Allgemeinheit gefährdet. Und dass die PflegerInnen und Putzkräfte auch nach der Krise wieder alleine dastehen werden, wenn es um eine angemessene Personalbemessung und Bezahlung geht, ist jetzt schon klar.

Damit sei nicht gesagt, dass die PflegerInnen, Putzkräfte und VerkäuferInnen nicht subjektiv vom Bedürfnis getrieben sein mögen, zu helfen und in der Bewältigung dieser Gesundheitskrise mit anzupacken. Jetzt aber nur Merci-Schokolade, 100 Euro Einmalzahlung (Italien) und warme Worte anzubieten, statt verlässliche Zusagen hinsichtlich der Verbesserung von Arbeitsbedingungen, Personal, Lohn und Mitbestimmung in den Krankenhäusern zu treffen, bedeutet lediglich, dieses Bedürfnis des Helfens auszunutzen. Abgesehen davon haben die ArbeiterInnen in den genannten Berufen sowieso kaum eine andere Wahl, als diese Arbeit zu verrichten, da sie andernfalls kein Einkommen haben.

Wie wäre es also, statt demnächst bloß vom Balkon zu klatschen, auch ein Transpi rauszuhängen, das Helios, Asklepios und Co. anprangert, weil sie seit Jahren systematisch ihre Angestellten fertig machen? Ein Ende des Fallpauschalensystems zu fordern und die Belange der Pflegekräfte zu verbreiten? Und das nächste Mal, wenn es wieder möglich ist, mit auf die Straße zu gehen, wenn etwa die Putzkräfte in den Kliniken gegen Lohndumping demonstrieren?

Das wäre doch das Mindeste.

3 Gedanken zu “„Unglücklich das Land, das Heldinnen nötig hat“

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