Sitzen wir alle in einem Boot?

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Man hört jetzt allerorten: Im Angesicht der Naturkatastrophe Corona müssen wir zusammenstehen, jeder muss seinen Teil beitragen, alle müssen Verantwortung für unsere besonders verletzlichen Mitmenschen übernehmen. Das ist edel gedacht, stößt aber schnell an Grenzen.

Denn die Interessen von ArbeiterInnen und KapitalistInnen kommen trotz der Bedrohung „von außen“ nicht harmonisch zur Deckung. Die überall in Europa aufflammenden Streiks in den Fabriken und Warenlagern offenbaren den fundamentalen Gegensatz, der unsere Gesellschaft strukturiert.

Sehr deutlich ist das Beispiel Amazon. In Italien und Frankreich gibt es hier bereits Streiks und walk-outs, in den USA und Polen wurden ebenfalls Beschäftigte aktiv. Warum? Weil das Unternehmen keine sicheren Arbeitsbedingungen gewährleistet und dadurch ArbeiterInnen und ihre Angehörigen lebensbedrohlichen Risiken aussetzt.

Die ArbeiterInnen haben konkrete Vorschläge, wie der Betrieb der aktuellen Situation angepasst werden könnte: Reduktion des Sortiments auf lebensnotwendige Güter, Verkürzung der Arbeitszeit, Desinfizierung der Arbeitsmittel, neuer Zuschnitt der Schichten zur Vermeidung physichen Kontakts. Sie wollen die Produktion nach Maßgaben der Gesundheit und der Versorgung aller mit den notwendigen Gütern organisieren.

Amazon verfolgt exakt das Gegenteil. Durch die Quarantäne boomt der Onlinehandel. Profite schießen durch die Decke, jeder Tag ist jetzt Black Friday. Amazon plant daher eine weltweite Ausweitung des Geschäfts durch Anwerbung von ZeitarbeiterInnen. Allein in den USA sollen jetzt 100.000 Arbeitskräfte neu eingestellt werden. Dahinter stehen natürlich die besten Absichten: „Ein priority item an die Haustür geliefert zu bekommen, ist genauso lebenswichtig für Nachbarschaften wie das social-distancing, besonders für die älteren Menschen und die mit Vorerkrankungen“ heißt es aus dem Unternehmen.

Dieser Fall ist leider keine besonders perfide Ausnahme. Vielmehr erscheinen in der aktuellen Krise strukturelle Widersprüche der kapitalistischen Klassengesellschaft wie in einem Brennglas. Diese Gesellschaft nimmt seit eh und je den Raubbau an Mensch und Natur in Kauf. Wenn der Profit stimmt, verschleißt sie die Gesundheit der ArbeiterInnen ebenso rücksichtslos wie die natürlichen Lebensgrundlagen:

„Mit entsprechendem Profit wird Kapital kühn. Zehn Prozent sicher, und man kann es überall anwenden; 20 Prozent, es wird lebhaft; 50 Prozent, positiv waghalsig; für 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf Gefahr des Galgens.“ (Thomas J. Dunning, englischer Gewerkschafter, zitiert nach Karl Marx, Das Kapital)

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